Hitler, Wagner und Bayreuth
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Hitler hatte wohl bereits mit 12 Jahren ersten Kontakt mit der Musik Wagners (Lohengrin) und besuchte mit 17 eine Rienzi-Aufführung, die ihn sehr beeindruckte; leicht anzunehmen, dass auch er sich ähnlich wie Rienzi bereits in jungen Jahren als eine Art 'Führer des Volkes' sah, den die Vorsehung dazu auserkoren hatte. Die Rienzi-Ouvertüre wurde jedenfalls später, auf wessen Veranlassung auch immer, von den Nazis bei zahlreichen Gelegenheiten abgespielt (so wie auch die Préludes von Liszt und andere pompöse, dramatische Musik). Die Präsenz von Wagner-Musik bei NS-Veranstaltungen sowie natürlich die Präsenz Hitlers in Bayreuth führte dazu, dass die Musik Wagners bis heute mit den Nazis oder den Inhalten der Nazi-Ideologie in Zusammenhang gebracht wird. Aber was hat Richard Wagner und seine Musik damit zu tun? In der Tat verbindet Hitler und das Haus Wagner auf den ersten Blick
einiges. Dabei sollte allerdings beachtet werden, dass es sich dabei um
Kontakte mit Repräsentanten des Hauses Wagner handelte, die wahrlich
keinen Funken von Wagnerscher Genialität für sich beanspruchen
konnten und mehr schlecht als recht das Erbe Wagners repräsentierten,
die greise Cosima eingeschlossen (zum Verhältnis von Cosima und Richard
siehe den Artikel in "Ein Ring,
der Leiden schafft"). Fatal war in diesem Zusammenhang auch der
Einfluss des rassistischen Gedankenguts Chamberlains (dem Mann Eva Wagners,
der zweiten Tochter Richards und Cosimas), welches Eingang in das Haus
Wagner jr. fand und dort absorbiert wurde. Und Richard Wagners eigener Antisemitismus? Wagners Schrift "Über
das Judentum in der Musik" und gelegentliche antisemitischen Äußerungen
scheinen anders geartet als der mörderische Antisemitismus Hitlers.
Der Hitler-Biograph und Wagner-Kenner Joachim Fest sagte diesbezüglich,
bei Wagner handele es sich nicht um einen "Endlösungs- also
auf physische Vernichtung abzielenden Antisemitismus", sondern eher
um in umständlichen Formulierungen und abwegigen Behauptungen versteckten
"Brotneid" gegenüber jüdischen Musikern, also einem
"linguistischen Antisemitismus". Folglich gibt es einen fundamentalen
Unterschied zwischen den sicher verurteilenswerten Vorbehalten Wagners
gegen das Judentum (und besonders gegen erfolgreichere jüdische Komponisten)
und dem Hitlerschen Hass gegen die jüdische Rasse. Wagners antisemitische
Tendenzen* und seine rassentheoretischen Überlegungen können
hier allerdings (noch) nicht ausführlicher behandelt werden. Sicher
kann man hingegen eins festhalten: Wagner war gegen alle, die nicht für
ihn waren; eigentlich war Wagner nur für Wagner. Inwieweit hat das Werk Richard Wagners Hitler in seiner Ideologie beeinflusst?
Praktisch alle scheinbar ideologisch gebrauchbaren Vorgaben oder 'germanisch-deutschen'
Inhalte bei Wagner wurden von Hitler werkfremd dem eigenen ideologischen
Wahn untertan gemacht. Die Exaltation alles Deutschen und pervertierte
Manifestation des Rassegedankens durch Hitler und Gesellen ist kein Grundmerkmal
des Werks Wagners, sondern wurde (und wird) durch eine prokrustesmäßig
aufgezwängte Werkauslegung plakativ und unreflexiert in den Vordergrund
gehoben. Dabei scheint es so, dass viele Personen die Musik Wagners in
der Nähe der Nazis sehen wollen, weil es ihnen so in ihr primitives
Weltverstehen passt. Ein weiterer Punkt, der einen Zusammenhang zwischen Wagner (oder besser
dem Haus Wagner jr.) und Hitler offensichtlich zur Schau stellt, war das
Verhältnis zwischen Hitler und Winifred Wagner, der Ehefrau Siegfrieds,
dem Sohn Richard Wagners. Somit war in Bayreuth Platz und Bedarf für einen 'starken Mann'
und der fand sich in Adolf Hitler, der als Bewunderer der Musik Wagners
Zutritt zu einer von ihm schon ideologisch vereinnahmten Familie und Künstlerwelt
begehrte und gern erhielt. In einer NS-Wochenschau heißt es wörtlich:
"Hitler huldigt dem Genie Wagners - Bayreuth und das Haus Wagner
waren schon in der Anfangszeit der nationalsozialistischen Bewegung mit
dem Kampf Adolf Hitlers und das Dritte Reich engstens verbunden und bekannten
sich in seinen schwersten Tagen offen zu ihm." Winifred war nach eigenen Worten von den Taten und
Ideen Hitlers "bis zur ersten. Hälfte des 2. Weltkriegs"
angetan und bewunderte ihn. Hitler verkehrte nach dem Tod Siegfrieds häufig
im Hause der Wagners und wurde nicht nur zu den Festspielen als Freund
"Wolf" als gern gesehener Gast begrüßt. Inwieweit
eine intime Beziehung zwischen Winifred und Hitler bestand, kann nur angenommen
werden. Bei Fest (1999) wird Speer zitiert, der angab, Hitler hätte
nach seiner Rückkehr von den Treffen mit Winifred einen merkwürdig
euphorischen, ja gar seeligen Eindruck auf seine Begleiter gemacht und
gelegentlich, wenn Hitler schlecht gelaunt war, wurde in seinem Umkreis
hinter vorgehaltener Hand gescherzt, dass ihm mal wieder "eine Bayreuther
Ration" gut tät. Ob diese Glücksgefühle mehr mit der
Faszination für den Meister oder mit den Reizen seiner Schwiegertochter
zu tun hatten, bleibt ungeklärt. Sicher ist, dass Hitler in Bayreuth
im vielfachen Sinne "seine Batterien aufgeladen" hat. Er fühlte
sich wohl in Bayreuth, und er verbrachte dort, bis die ersten Niederlagen
keine 'wolligen Gelüste' mehr zuließen, die schönsten
Tage des Jahres. 1940 besuchte Hitler zum letzten Mal Bayreuth und sah
nur die Götterdämmerung, ein für das NS-Regime prophetisches,
den Untergang der durch Unrecht Herrschenden zeigendes Werk, dessen tieferen
Sinn im Gesamtzusammenhang der Tetralogie er aber sicher nicht erfasst
haben dürfte. Hitler hörte 1945 im Bunker übrigens keine Musik von Wagner, sondern ließ sich lieber etwas aus der "Lustigen Witwe" vorspielen. (Text: Arthur Micke, bitte Quelle u. Autor bei Zitaten angeben!) überarb. Fassung 2010
______________________________ *Es gibt beispielsweise Untersuchungen, die bei negativen, antipathischen
Bühnenfiguren (wie Alberich, Mime, aber auch Kundry) in Werken Richard
Wagners jüdische Züge/Merkmale erkennen wollen. So soll ein
klarer Beweis für Wagners Antipathie gegen die Juden der unsympathische
Beckmesser in den Meistersingern sein (mit Bezug auf den Wagner-Zeitgenossen
Hanslick) - doch Katharina Wagner, die Urenkelin, beweist in ihrer 2007er
Meistersinger-Inszenierung, dass Beckmesser keineswegs negativ interpretiert
werden muss, wenn man es nicht so will. Sie zeigt, dass Beckmesser
durchaus sympathisch, menschlich dargestellt werden kann, sogar sympathischer
als der 'deutsche' Sachs - und das durchaus textinhärent. "Winifred Wagner, Hitler-Freundin und "Herrin von Bayreuth", gilt heute als Symbol für eine unverbesserliche "Altnazi", die das weltberühmte Wagner-Festival dem Dritten Reich dienstbar machte. Erst die Söhne Wieland und Wolfgang, so die landläufige Meinung, hätten die Bayreuther Festspiele nach dem Krieg vom "braunen Mief" befreit und zu neuen künstlerischen Höhen geführt" (zitiert in einem Artikel ohne Namensangabe bei http://www.spiegel.de/sptv/reportage/0,1518,204921,00.html)
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