Tristan und Isolde
- eine Brautnahme und ein Missverständnis

 
 

In der "Handlung in 3 Aufzügen" Tristan und Isolde gibt es zahlreiche Anspielungen und explizite Hinweise auf eine 'Verkaufte-Braut'-Thematik, die Ausgangspunkt für die Entwicklung der Liebestragödie ist.
Isolde, die Erbin Irlands, kann als Wiedergutmachungspreis für die erlittene Niederlage der Irländer angesehen werden. Sie beschreibt sich selbst als "Zins", der von Tristan aus Irland gezogen wurde und den er nun an König Marke auszahlt.Isolde folgt dem Ruf ihres neuen Herrn und zukünftigen Gemahls keineswegs freiwillig und ist (anfänglich) nicht gut auf den zagenden Brautwerber Tristan zu sprechen, der "eine Braut als Leiche für seinen Herrn gewann".Kurwenal relativiert entsprechend die Position und Rolle Isoldes, die als Herrin Tristans angesehen sein möchte, indem er erklärt: "Wer Kornwalls Kron' und Englands Erb' an Irlands Maid vermacht, der kann der Magd [=Isolde] nicht eigen sein, die selbst dem Ohm er schenkt." In diesem Ausspruch kommt ein klassisches Brautraub-Motiv klar zum Ausdruck: die Braut wird zur Magd degradiert, die als rechtloses Gut weiterverschenkt werden kann. Im Gegensatz zu den normalerweise wehrlosen geraubten bzw. verkauften Bräuten hatte es Isolde in der Hand, ihr Schicksal zu wenden, doch sie ließ das Schwert fallen und muss nun dem Vasallen dienen. Je stärker sie den Zwang fühlt, umso stärker fühlt sie sich erniedrigt. Ihre Liebestat wurde mit der größtmöglichen Enttäuschung erwidert: ihr Tristan verschenkt sie an einen anderen. Folglich unterstellt sie Tristan, dass er sie nur als interessanten, wertvollen Schatz für seinen Oheim betrachtete und nicht als Geliebte. So schildert sie es auch Brangäne: "Wie siegprangend heil und hehr, laut und hell wies er auf mich: "Das wär ein Schatz, mein Herr und Ohm"". Brangäne sieht in Tristans Vorgehen hingegen eine edle Tat und eine normale Brautwebung durch einen seinem Herrn treu dienenden Helden. Isolde lässt schließlich auch durchblicken, dass es in der Tat nicht die forsche Brautwerbung an sich ist, die sie so sehr empört, sondern vielmehr Tristans Desinteresse und Lieblosigkeit ihr gegenüber: "Ungeminnt den hehrsten Mann stets mir nah zu sehen! Wie könnte ich die Qual bestehen?" Später im zweiten Aufzug wird Isolde im Gespräch mit Tristan deutlicher: Sie folgte gehorsam der Minne Hand, die ihr das Schwert entwand. Sie gesteht, dass sie im Moment, da sie ihn erkor, die seine ward und klärt im Nachhinein Tristan darüber auf, warum sie so böse und wütend auf ihn war: "Den dort [in Irland, als Tristan verwundet war] ich heimlich barg, wie dünkt[e] er mich so arg, wenn in des Tages Scheine der getreu gehegte eine der Liebe Blicken schwand, als Feind nur vor mir stand!"Im Tristan gibt es eine ähnliche Konstellation wie in der Götterdämmerung: Dort ist es Brünnhilde, die ihren Siegfried 'verändert' vorfindet; hier ist es Isolde, die auf einen Tristan trifft, der ihre Liebe nicht mehr erwidern kann. Der durch den Zaubertrank geblendete Siegfried liebt eine andere Frau - der vom Pflichtgefühl erfüllte Tristan liebt seinen Oheim, dem er Isolde als wertvollstes Geschenk und Zeichen der hehrsten und höchsten Entsagung darbringt

 
  nach: A. Micke: Ein Ring, der Leiden schafft  
 
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