Der Ring des Nibelungen: der Werdegang einer Utopie

 
     
 

Wie in Kunst und Revolution (1849) von Wagner selbst erwähnt, finden sich in jedem Kunstwerk nationale Züge, darüber hinaus sind oft Einflüsse aus anderen Kulturtraditionen erkennbar. Wagner hatte wohl Orientierungspunkte, aber sein Ring hat eigentlich keine wirklichen Vorgänger. Es ist ein Ausnahme-Werk, das in einsamer Einzigartigkeit über die technischen Möglichkeiten und musikalischen Gewohnheiten seiner Zeit hinausging.

Kein Wunder also, dass Wagner trotz aller Mühen über die Qualität der ersten Münchner Aufführung der Walküre und auch über die ersten BayreutherRing-Festspiele unglücklich war. Sein "Ideal ward mit den Aufführungen nicht erreicht". Einen Grund dafür mag darin liegen, dass die Welt seiner Zeit eben nur praktisch und konkret denkt; "bei mir aber gewinnt das Ideale solche Realität, daß sie meine Wirklichkeit ausmacht."

Die Illusionsbühne des 19. Jahrhunderts musste notgedrungen die Imagination des Musikers und Dichters zerstören. Die Dekoration ist ja, so lehrt Nietzsche, immer nur Verstellung und Verhüllung; denn aller Schmuck versteckt das Geschmückte. Wagner wollte mit der besonderen Konstruktion des Festspielhauses die Szene in Traumfernen entrücken. Sein Wunsch war es deshalb auch, dass das Szenenbild den Charakter einer Traumerscheinung haben sollte (Wagner an Ludwig II. am 17. Mai 1881 Briefwechsel)

Bei der Uraufführung nahm das naturalistische Bühnenbild in seiner Äußerlichkeit die Aufmerksamkeit des Zuschauers so in Anspruch, daß seine "Phantasie in Fesseln geschlagen wurde" wie Nietzsche bedauernd feststellte und er daher unempfänglich blieb für das Wesentliche: die Musik und die Botschaft. Das wollte Wagner ändern.

 
     
  Die Entstehung des Rings im zeitlichen Ablauf:  
     
 

um 1830-40

In der deutschen, romatischen Literatur werden die Heldensagen (u.a. Siegfried) wieder entdeckt. 1837 Wagner schreibt vieundzwanzigjährig den Prosaentwurf zu Rienzi.

1840 (Wagner ist 27 Jahre alt)

Felix Mendelssohn Bartholdys Schwester Fanny schlägt ihrem Bruder am 4.11.1840 vor, das Nibelungenlied zu vertonen und im weiteren Briefwechsel zeigt sich Mendelssohn sehr begeistert von dem Plan und erste Ideen werden ausgetauscht.

Robert Schumann führt das Nibelungenlied in seinem "Projektenbuch" bereits an dritter Stelle an.

Wagner sendet seinen Prosaentwurf vom Fliegenden Holländer an Meyerbeer.

1842 (Wagner ist 29 Jahre alt)

Beginn von Wagners sagengeschichtlichen Studien.

Wagner schreibt den Prosaentwurf zu Tannhäuser.

1843 (Wagner ist 30 Jahre alt)

Wagner beim Kuraufenthalt in Teplitz Juli- August 1843. Dort studiert er Jacob Grimms "Deutsche Mythologie".

Wagner richtet seine Wohnung in der Dresdner Ostra-Allee ein. Unter den drei Hauptstücken in seiner neuen Wohnung befand sich "das Corneliussche Titelblatt zu den Nibelungen in einem schönen gotischen Rahmen."

Wagners Dresdner Bibliothek

1844 (Wagner ist 31 Jahre alt)

1844 erscheint von Friedrich Theodor Vischer: Vorschlag für eine Oper: "Ich möchte die Nibelungensage als Text zu einer großen heroischen Oper empfehlen." Auf der Basis dieses Vorschlages entwickelte die Dichterin Louise Otto erste Ideen für ein Textbuch und wandte sich durch Vermittlung des Bibliothekars Gustav Klemmt an R.Wagner, ihm dieses zur Vertonung anzutragen. R.Wagner antwortete, daß er - wenn er es denn je komponieren würde - es selbst dichten würde.

Später begann der Gewandhauskapellmeister N.W. Gade mit der Komposition, die jedoch nie vollendet wurde und auch Schumanns nochmals aufflammendes Interesse wurde durch seine Krankheit abgebrochen.

1845 (Wagner ist 32 Jahre alt)

Erste konkrete Beschäftigung Wagners mit dem Nibelungenstoff: "Meine Studien trugen mich so durch die Dichtungen des Mittelalters hindurch, bis auf den Grund des alten urdeutschen Mythos ... der wahre Mensch überhaupt ... Erst jetzt erkannte ich die Möglichkeit, ihn zum Helden eines Dramas zu machen, was mir nie eingefallen war, solange ich ihn nur aus dem mittelalterlichen Nibelungenliede kannte."

Wagner stellt den Prosaentwurf für Meistersinger und Lohengrin fertig.

1847 (Wagner ist 34 Jahre alt)

Wagner beschäftigt sich ausgiebig mit griechischen Autoren, vor allem Aischylos (Orestie) und Aristophanes, die beide großen Einfluß auf die Gestaltung des Ring haben.

1848 (Wagner ist 35 Jahre alt)

Prosa-Entwürfe und Dichtung Siegfrieds Tod Entwürfe zum Ring, Der Nibelungen-Mythos.

Februarrevolution in Paris, Wiener Aufstände - von Wagner mit einem Gedicht begrüßt.

1849 (Wagner ist 36 Jahre alt)

R.Wagner schreibt den Aufsatz: Die Wibelungen. Weltgeschichte aus der Sage.

In Röckels "Volksblättern" erscheint der anarchistische Aufsatz "Die Revolution", der möglicherweise aus der Feder von Wagner ist.

Wagners aktive Teilnahme am Dresdner Maiaufstand.

Nach steckbrieflicher Suche gelingt die Flucht - angeblich soll er die vorgesehene Postkutsche verpaßt und dadurch unbeschadet entkommen sein (alle Insassen der Postkutsche wurden verhaftet).

Brief R.Wagners an Ferdinand Heine, Zürich, 19.11.1849: "zu meinem Siegfried endlich die Musik zu schreiben, drängt es mich aus ganzer Seele".

1850 (Wagner ist 37 Jahre alt)

Kompositions-Skizzen Siegfrieds Tod

1851 (Wagner ist 38 Jahre alt)

Prosa-Skizze und Urschrift Der junge Siegfried

1852 (Wagner ist 39 Jahre alt)

Fertigstellung der Urfassung der Textdichtung von Walküre

Wagner entschließt sich, die Siegfried-Geschichte zweizuteilen und Siegfrieds Tod den Jungen Siegfried vorauszuschicken. (siehe: Richard Wagner in "Mein Leben" Jubiläumsausgabe S. 542)

1853 (Wagner ist 40 Jahre alt)

Richard Wagner veröffentlicht in fünfzig Exemplaren den vollständigen Text des Ring und liest ihn in Zürich vor.

Richard Wagner: Brief an Ferdinand Heine, Zürich, 31.10. 1853: "Morgen beginne ich die Komposition meiner Nibelungen-Dramen: ich bin jetzt voll und fertig dazu."

In La Spezia hat Wagner die Idee zum Rheingold-Vorspiel.

Beginn an der Partitur zu Rheingold. (1.November 1853)

1854 (Wagner ist 41 Jahre alt)

Schlußeintragung in der Partiturerstschrift Das Rheingold: 28. Mai 1854

Partiturreinschrift Das Rheingold Schlußeintragung: 26.9.1854

Kopfeintrag in der Kompositionsskizze Die Walküre: 28. Juni 1854

Schlußeintrag in der Kompositionsskizze Die Walküre: 27.12.1854

1856 (Wagner ist 43 Jahre alt)

Brief an Regierungsrat Franz Müller in Weimar, Mornex bei Genf, 22. Juni 1856: "Zudem stehen den letzten Stücken nicht unbedeutende Veränderungen bevor; selbst ihre Titel werde ich nicht beibehalten: vermutlich bloß: Siegfried und das letzte: Götterdämmerung".

Kopfeintrag in die Orchesterskizze Siegfried : 22.9.1856

Unter Schopenhauers Einfluß entsteht die Idee zu einem neuen Schluß des Ring, der aber wieder von Wagner verworfen wird.

Wagners erste Skizzen zu Tristan.

Brief Richard Wagners an Franz Müller, Zürich, 9. Januar 1856, die Quellen zum Ring betreffend: "Ich weiß nicht, ob ich je meine Nibelungen beenden werde, und könnte, selbst unter den günstigsten Annahmen, somit jetzt nicht den Zeitpunkt bezeichnen, wann Ihre Arbeit zu erscheinen hätte. Wollen Sie demnach, ganz auf das Unbestimmte hin, sich immer schon damit befassen, so gebe ich Ihnen für heute nur noch die Quellen an, deren Studium mich seiner Zeit für meinen Gegenstand reifte. Sie finden sie auf dem beiliegenden Zettelchen":

Zettelbeilage (unvollständig):

1. Der Nibelungen Noth u. Klage

2. Zu den Nibelungen etc. Hagen,- Bearbeitet in 6 Bänden von Lachmann, von Simrock.

3. Grimm's Mythologie.

4. Edda. Grimm.

5. Volsunga-Saga

6. Wilkina- und Niflungasaga.

7. Das deutsche Heldenbuch ...

8. Die deutsche Heldensage

1857 (Wagner ist 44 Jahre alt)

Kopfeintrag in die Partiturreinschrift Siegfried: 12. Mai 1857

Unterbrechungseintrag im 2. Akt nach "Daß der mein Vater nicht ist" : 27.6.1857 Richard Wagner fügt hinzu: "Wann seh´n wir uns wieder??"

1861 (Wagner ist 48 Jahre alt)

Wagner arbeitet an den Meistersinger.

1862(Wagner ist 49 Jahre alt)

Wagner darf nach 13 Jahren Exil nach einer Amnestie seine Heimat Sachsen wieder besuchen.

1864 (Wagner ist 51 Jahre alt)

Ludwig II. von Bayern kommt an die Macht und übernimmt die hohen Schulden von Wagner

Brief an Ludwig II. von Bayern, Stuttgart, 3. Mai 1864: "Diese Tränen himmlischster Rührung sende ich Ihnen, um Ihnen zu sagen, daß nun die Wunder der Poesie wie eine göttliche Wirklichkeit in mein armes liebebedürftiges Leben getreten sind! - Und dieses Leben, sein letztes Dichten und Tönen gehört nun Ihnen, mein gnadenreicher junger König: verfügen Sie darüber als über Ihr Eigentum!"

Brief an Eliza Wille, München, 4. Mai 1864: "Sie wissen, daß mich der junge König von Bayern aufsuchen ließ. Heute wurde ich zu ihm geführt. Er ist leider so schön und geistvoll, seelenvoll und herrlich, daß ich fürchte, sein Leben müsse wie ein flüchtiger Göttertraum in dieser gemeinen Welt zerrinnen. Er liebt mich mit der Innigkeit und Glut der ersten Liebe: er kennt und weiß alles von mir, und versteht mich wie meine Seele. Er will, ich soll immerdar bei ihm bleiben, arbeiten, ausruhen, meine Werke aufführen; er will mir alles geben, was ich dazu brauche; ich soll die Nibelungen fertig machen, und er will sie aufführen, wie ich will. Ich soll mein unumschränkter Herr sein, nicht Kapellmeister, nichts als ich und sein Freund."

Wiederaufnahmeeintrag in der Partiturreinschrift Siegfried: Starnberg 27.9.1864.

1869 (Wagner ist 56 Jahre alt)

Wiederaufnahme der Arbeit am Ring.

Schlußeintrag in der Kompositionsskizze Siegfried: "Richtig ausgetragen. 14 Juni 1869."

Tagebucheintragung Cosima von Bülows im Oktober 1869: "Und gerade nach einem so ernsten Gespräch zog der Meister ein Stück Notenpapier hervor und meinte: "Ich habe etwas für dich, es ist etwas gekommen." Dabei zeigte er mir den Beginn der Nornenszene."

Kopfeintrag Kompositionsskizze Götterdämmerung: 2. Oktober 1869.

Uraufführung von Rheingold in München gegen Wagners Willen.

1870 (Wagner ist 57 Jahre alt)

Erstmals wird Bayreuth als Festspielort in Betracht gezogen.

Brief an Dr. Anton Pusinelli, Tribschen, 12.1.1870: "Und nun mußt Du diesen letzten Akt hören, die Erweckung der Brünnhilde! Mein Schönstes!"

Uraufführung der Walküre in München gegen den Widerstand von Wagner.

Uraufführung des Siegfried-Idylls in kleiner Besetzung, jedoch stand Wagner eine größere Besetzung vor Augen (siehe Brief zur Aufführung in Mannheim am 20.12.1871 und Cosimas Tagebuch, 14.1.1874)

1871 (Wagner ist 58 Jahre alt)

Schlußeintrag in der Partitur Siegfried (die Reinschrift des 3. Aktes wurde nie erstellt): Tribschen. 5.Februar 1871

(Wagner hatte bewußt die Fertigstellung verzögert, um zu verhindern, daß das Werk wie vorher Rheingold und Walküre in München gegen seinen Willen zur Aufführung gelangte. Später (27.3.1872) verleugnete er sogar die Fertigstellung von Siegfried, um eine Aufführung gegen seinen Willen zu verhindern.)

1872 (Wagner ist 59 Jahre alt)

Grundsteinlegung des Festspielhauses in Bayreuth.

Vollendung der Orchesterskizze Götterdämmerung mit Widmungsgedicht an König Ludwig II. 25.8.1872.

1873 (Wagner ist 60 Jahre alt)

Beginn der Ausarbeitung der Orchesterpartitur von Götterdämmerung.

1874 (Wagner ist 61 Jahre alt)

Schlußeintrag in der Partitur Götterdämmerung: "Vollendet in Wahnfried am 21. November 1874. Ich sage nichts weiter!! R.W."

1875 (Wagner ist 62 Jahre alt)

Zwei Monate Probenarbeit für die Ring-Aufführung im nächsten Jahr.

1876 (Wagner ist 63 Jahre alt)

Erste Aufführung von drei Zyklen Der Ring des Nibelungen in Bayreuth mit Richard Wagner als Regisseur und Hans Richter als Dirigent.

Nach den ersten Bayreuther Festspielen ergab sich ein Defizit von 148.000,- Mark.

 
 
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