Schlingensief (!) Parsifal (?),
Bayreuther Festspiele 2004
/ 2005 / 2006 (überarbeitet 28.8.06)

"Nur eines will ich noch - das Ende!"
 
 

- und für das Ende sorgt... Ja, kann es sein, dass Wolfgang Wagner tatsächlich solch einen Gedanken hegt und die Bayreuther Festspiele zum Abschied gehörig in den Graben fahren lassen will? So scheint es beim Blick auf die Wahl der Regisseure und gebotenen Inszenierungen jedenfalls schon seit geraumer Zeit* und besonders drängt sich dieser Gedanke beim Parsifal der Bayreuther Festspiele 2004 (sowie in der unwesentlich veränderten Fassung von 2005 u. 2006) auf.
Aber war es denn überhaupt das Bühnenweihfestspiel von Richard Wagner? Es schien mehr ein absurder Schlingensiefscher Albtraum mit Wagnerscher Musikuntermalung. Also keine künstlerische Substanz, sondern vielleicht ein grober Versuch, alles anders zu machen, ein Brechen mit jeglicher Konvention, ein Adabsurdumführen des Begriffs der 'hohen' Kunst und Vergackeierung derer Beweihräucherer?
So fällt es schwer über dieses Machwerk überhaupt eine Kritik zu schreiben, denn zu sehr schreit das Ding nach Verriss. Dagegen sollte man es einfach ignorieren, das wäre wahrscheinlich die schwerste Strafe für Schlingensief und seine herbeigeholten befreundeten Mittäter. Und tatsächlich scheint der (gewollte?) Skandal um den Parsifal ausgeblieben zu sein und das ist gut so. Jedes Wort über Schlingensief und bühnenkünstlerische Mitverantwortliche ist eigentlich schon ein Wort zuviel; kopfschüttelndes Schweigen wäre der richtige Umgang mit diesem Unfug.

Hinzu kommt, dass die Aufführung musikalisch, sowohl vom Sängerischen (kein Festspielniveau) als auch vom Dirigat (teils zu hastig, höhepunktlos) her, auch nicht viel zu bieten hatte. So war einem selbst das "Augen zu und durch" kein den optischen Verlust aufwiegendes Reinvergnügen.

Wer also das Werk noch nicht gesehen hat und etwa meint, etwas (was?) verpasst zu haben, kann getröstet sein - es ist nichts Aufsehen Erregendes passiert, absoluter kalter Kaffee, den Kauf einer Schlingensief Karte kann man sich folglich ersparen. Und bitte nicht weiter lesen.

Denn (weh mir), ich bin nicht stark genug, habe dass Massaker 2 lange Akte** über mich ergehen lassen und muss mir den Krampf von der Seele schreiben, auf dass die Wunde sich schließe. Zuerst das: es sind keine genialen Interpretations-Funken, keine Provokation, kein eigentlicher Skandal erkennbar; anscheinend konnte Schlingensief mit Wagners Bühnenweihfestspiel nichts anfangen, konnte keine wirklich werkinhärenten Punkte ausfindig machen, die bislang auf der Bühne nicht gezeigt wurden - wie einst Chereau mit seinem Ring, der damit das damalige Publikum vor die Nase stoß.
Schingensief kann nicht die menschlich tiefen Bedeutungen aus dem Werk herausholen und in Szene setzen, sondern nur Wirrwar in das Werk hinein dichten. Er versucht, dem Werk mit Gewalt plakativ etwas obskur Okultes aufzuzwingen, wobei es ihm noch gelingt, das rätselhafte Bühnengeschehen durch obstruse Videosequenzen zu verrohen. Wer ein Werk so offensichtlich durch den Fleischwolf dreht, der will keine ("die Wunde schließende") Gegen-Reaktion provozieren, sondern der kann eigentlich nur Vernichtung wollen.

Was will Schlingensief vernichten? Zuerst wohl Bayreuth mit all dem, was man so als großstädtischer informierter Berliner Freigeist von Bayreuth vom Hörensagen her kennt: da war mal Hitler, da sind jetzt die dekandenten Reichen, die sich einmal im Jahr selbst beweihräuchern lassen möchten, da ist ein alter Opa, der meint, er könne als Theaterdiktator den kreativen Fortschritt aufhalten und so weiter. Das sind doch Dinge, die man vernichten und nicht durch eine brave Inszenierung unterstützen sollte, oder?

Dann ist da das Problem mit Wagner: der war doch ein alter Antisemit, erst Freund (wenn nicht gar Gespiel) des bayrischen Königs, später von den Nationalsozialisten geschätzt; schrieb stundenlange Musik, Arien, die keine sind, Gesang ohne Sinn ("wagalaweia" und so), ließ sich ein Festspielhaus bauen, in dem die Stühle keine Polster haben... lauter Punkte, die einem Theater-Regisseur Wagner und seine Musik nicht sympathischer machen. Also weg mit Wagner und seiner Musik.

Bleibt die Frage, warum man denn ein Werk, mit dem man nichts anfangen kann, mit einer Musik von einem Musiker, den man verabscheut, unbedingt inszenieren muss - man kann doch auch einfach sagen: "Wagner? Bayreuth? - Bleibt mir fort - damit will ich nichts zu tun haben, sagt mir nicht zu, will ich nicht machen, behaltet euer Geld!"
Tja, aber so wird man nicht bekannt (oder besser: berüchtigt) - und das ist es wohl (neben der Kohle und dem Anliegen, befreundeten Konsorten einen Job zu verschaffen), was Schlingensief wollte, und das - und nur das - ist ihm leider gelungen; und ich, der ich diesen Artikel schreibe, trage wahrscheinlich auch noch irgendwie dazu bei, was ich bedauere und mit dem Kauf einer Karte für den Mannheimer Parsifal ausexorzieren werde.

Schade um Bayreuth. Und doch, ein Trost bleibt: Katharina kann es eigentlich nicht schlechter machen... vielleicht wollte uns das ihr Vater Wolfgang auf diese Weise eingeben.,.,., (Arthur Micke)

* Chereau und Kupfer ausgenommen
** den dritten habe ich nur noch gehört, weil die Augen nicht mehr wollten...

 

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