Erster Aufzug

Ort der Handlung: Auf dem Gebiete und in der Burg der Gralshüter Monsalvat. Gegend im Charakter der nördlichen Gebirge des gotischen Spaniens. Wald, schattig und ernst, doch nicht düster. Eine Lichtung in der Mitte. Links aufsteigend wird der Weg zur Gralsberg angenommen. Der Mitte des Hintergrundes zu senkt sich der Boden zu einem tiefer gelegenen Waldsee hinab. Tagesanbruch. Gurnemanz, rüstiggreisenhaft, und zwei Knappen, von zartem Jünglingsalter, sind schlafend unter einem Baume gelagert. Von der linken Seite, wie von der Gralsburg her, ertönt der feierliche Morgenweckruf der Posaunen.

Gurnemanz:
erwachend und die Knappen rüttelnd
He! Ho! Waldhüter ihr,
Schlafhüter mitsammen,
so wacht doch mindest am Morgen.
Die beiden Knappen springen auf.
Hört ihr den Ruf? Nun danket Gott,
dass ihr berufen, ihn zu hören!
Er senkt sich mit den Knappen auf die Knie und verrichtet mit ihnen gemeinschaftlich stumm das Morgengebet; sobald die Pasunen schweigen, erheben sie sich langsam.

Jetzt auf, ihr Knaben! Seht nach dem Bad.
Zeit ist's, des Königs dort zu harren.
Dem Siechbett, das ihn trägt, voraus
seh ich die Boten schon uns nahn.
Zwei Ritter treten auf.
Heil euch! Wie geht's Amfortas heut'?
Wohl früh verlangt'er nach dem Bade;
das Heilkraut, das Gewan
mit List und Kühnheit ihm gewann,
ich wähne, dass es Lind'rung schuf? Zweiter Ritter:Das wähnest du, der doch alles weiss?
Ihm kehrten sehrender nur
die Schmerzen bald zurück;
schlaflos von starken Bresten,
befahl er eifrig uns das Bad.
Gurnemanz:
das Haupt traurig senkend
Toren wir, aud Lind'rung da zu hoffen,
wo einzig Heilung lindert!
Nach allen Kräutern, allen Tränken forscht
und jagt weit durch die Welt;
ihm hilft nur eines - nur der Eine!
Zweiter Ritter:

So nenn' uns denn!

Gurnemanz:
ausweichend
Sorgt für das Bad!
Die beiden Knappen haben sich dem Hintergrunde zugewendet und blicken nach rechts.

Zweiter Knappe: Seht dort, die wilde Reiterin!

Erster Knappe: Hei! Wie fliegen der Teufelsmähre die Mähnen!
Zweiter Ritter:
Ha! Kundry dort?
Erster Ritter:
Die bringt wohl wicht'ge Kunde?
Zweiter Knappe:
Die Mähre taumelt.
Erster Knappe:
Flog sie durch die Luft?
Zweiter Knappe:
Jetzt kriecht sie am Boden hin.
Erster Knappe:
Mit dem Mahnen fegt sie das Moos.
Alle blicken lebhaft nach der rechten Seite.
Zweiter Ritter:
Da schwingt sich die Wilde herab.

Kundry stürzt hastig, fast taumeld herein. Wilde Kleidung, hoch geschürzt: Gürtel von Schlangenhäuten long herabhängend; schwartzes, in losen Zöpfen flatterndes Haar, tief braunrötliche Gesichtsfarbe; stechende schwartze Augen, zuweilen wild aufblitzend, öfters wie todesstarr und unbeweglich. Sie eilt auf Gurnemanz zu und dringt ihm ein kleines Kristallgefäss auf.

Kundry:
Hier! Nimm du! Balsam...
Gurnemanz:
Woher brachtest du dies?
Kundry:
Von weiter her als du denken kannst.
Hilft der Balsam nicht,
Arabia birgt
dann nichts mehr zu seinem Heil.
Fragt nicht weiter.
Sie wirft sich an den Boden.
Ich bin müde.

Ein Zug von Knappen und Rittern, die Sänfte tragend und geleitend, in welcher Amfortas ausgestreckt liegt, gelangt, von links her, auf die Bühne. Gurnemanz hat sich, von Kundry ab, sogleich den Ankommenden zugewendet.

Gurnemanz:
während der Zug auf die Bühne gelangt
Er naht, sie bringen ihn getragen.
Oh weh! Wie trag' ich's im Gemüte,
in seiner Mannheit stolzer Blüte
des siegreichsten Geschlechtes Herrn
als seines Siechtums Knecht zu seh'n!
Zu den Knappen
Behutsam! Hört, der König stöhnt.
Die Knappen halten an und stellen das Siechbett nieder.
Amfortas:
Recht so! Habt Dank! Ein wenig Rast.
Nachwilder Schmerzensnacht
nun Waldesmorgenpracht!
Im heil'gen See
wohl labt mich auch die Welle;
Es staunt das Weh,
die Schmerzensnacht wird helle.
Gawan!
Zweiter Ritter:
Herr! Gawan weite nicht;
da seines Heilkraufts Kraft,
wie schwer er's auch errungen,
doch deine Hoffnung trog,
hat er auf neue Sucht sich fort geschwungen.
Amfortas:
Ohn' Urlaub? Möge das er sühnen,
dass schlecht er Gralsgebote hält.
Oh wehe ihm, dem Trotzig Kühnen,
wenn er in Klingsors Schlingen fällt!
So breche keiner mir den Frieden!
Ich harre des, der mir beschieden;
"Durch Mitleid wissend" -
War's nicht so?
Gurnemanz:
Uns sagtest du es so.
Amfortas:
"Der Reine Tor"!
Mich dünkt, ihn zu erkennen;
dürft' ich den Tod ihn nennen!
Gurnemanz:
indem er Amfortas das Fläschchen Kundrys überreicht
Doch zuvor versuch'es noch mit diesem!
Amfortas:
es betrachtend
Woher dies heimliche Gefäss?
Gurnemanz:
Dir ward es aus Arabia hergeführt.
Amfortas:
Und wer gewann es?
Gurnemanz:
Dort liegt's, das wilde Weib.
Auf, Kundry, komm!
Kundry wiegert sich und bleibt am Boden.
Amfortas:
Du, Kundry?
Muss ich dir nochmals danken,
du rastlos scheue Magd?
Wohlan!
Den Balsam nun versuch' ich noch;
er sei aus Dank für deine Treue.
Kundry:
unruhig und heftig am Boden sich bewegend
Nicht Dank! Haha! Was wird es helfen?
Nicht Dank! Fort, fort! Ins Bad!

Amfortas gibt das Zeichen zum Aufbruch. Der Zug entfernt sich nach dem tieferen Hintergrunde.
Gurnemanz, schwermütig nachblickend, und Kundry, fortwährend auf dem Boden gelagert, sind zurückgeblieben Knappen gehen ab und zu.

Dritter Knappe:
He, du da!
Was liegst du dort wie ein wildes Tier?
Kundry:
Sind die Tiere hier nicht heilig?
Dritter Knappe:
Ja, doch ob heilig du,
das wissen wir grad' noch nicht.
Vierter Knappe:
Mit ihrem Zubersaft, wähn' ich,
wird sie den Meister vollends verderben.
Gurnemanz:
Hm! Schuf sie euch Schaden je?
Wann alles ratlos steht,
wie kämpfenden Brüdern in fernste Länder
Kunde sei zu entsenden,
und kaum ihr nur wisst, wohin? -
Wer, ehe ihr euch nur besinnt,
stürmt und fliegt dahin und zurück,
der Botschaft pflegend mit Treu und Gluk?
Ihr nährt sie nicht, sie naht euch nie,
nichts hat sie mit euch gemein;
Doch wann's in Gefahr der Hilfe gilt,
der Eifer führt sie schier durch die Luft,
die nie euch dann zum Danke ruft.
Ich wähne, ist dies Schaden,
so tät er euch gut geraten.
Dritter Knappe:
Doch hasst sie uns -
sieh nur, wie hämisch dort nach uns sie blickt!
Vierter Knappe:
Eine Heidin ist's, ein Zauberweib.
Gurnemanz:
Ja, eine Verwünschte mag sie sein.
Hier lebt sie heut' -
veilleicht erneut,
zu büssen Schuld aus früh'rem Leben,
die dorten ihr noch nicht vergeben.
Übt sie nun Buss in solchen Taten,
die uns Ritterschaft um Heil geraten,
gut tut sie dann und recht sicherlich,
dienet uns - und hilft auch sich.
Dritter Knappe:
So ist's wohl auch jen' ihre Schuld,
die uns so manche Not gebracht?
Gurnemanz:
sich besinnend
Ja, wann oft lange sie uns ferne blieb,
dann brach ein Unglück wohl herein.
Und lang' schon kenn' ich sie;
doch Titural kennt sie noch länger.
Der fand, als er die Burg dort baute,
sie schlafend hier im Waldgestrüpp,
erstarrt, leblos, wie tot.
So fand ich selbst sie letztlich wieder,
als uns das Unheil kaum geschehn,
das jener Böse über den Bergen
so schmählich über uns gebracht.
Zu Kundry
He! Du! Hör' mich und sag;
wo schweiftest damals du umher,
als under Herr den Speer verlor?
Kundry schweigt düster
Warum halfst du uns damals nicht?
Kundry:
Ich... helfe nie.
Vierter Knappe:
Sie sagt's da selbst.
Dritter Knappe:
Ist sie so treu, so kühn in Wehr,
so sende sie nach dem verlorenen Speer!
Gurnemanz:
düster
Das ist ein andres;
Jedem ist's verwehrt.
Mit grösster Ergriffenheit
O wunden-wundervoller heiliger Speer!
Ich sah dich schwingen
von umheiligster Hand!
In Erinnerung sich verlierend
Mit ihm bewehrt, Amfortas, allzu kühner,
wer mochte dir es wehren
den Zaub'rer zu beheeren?
Schon nah dem Schloss wird uns der Held entrückt;
ein furchtbar schönes Wein hat ihn entzückt;in seinen Armen liegt er trunken,
der Speer ist ihm entsunken.
Ein Todesschrei! Ich stürm herbei!
Von dannen Klingsor lachend schwand,
den heil'gen Speer hat er entwandt.
Des Königs Flucht gab kämpfend ich Geleite;
doch eine Wunde brannt' ihm in der Seite;
die Wunde ist's, die nie sich schliessen will.
Dritter Knappe:
So kanntest du Klingsor?
Gurnemanz:
zu den zurückkommenden beiden Knappen
Wie geht's dem König?
Erster Knappe:
Ihn frischt das Bad.
Zweiter Knappe:
Dem Balsam wich das Weh.
Gurnemanz:
für sich
Die Wunde ist's, die nie sich schliessen will.

Der dritte und vierte Knappe hatten sich zuletzt schon zu Gurnemanz' Füssen niedergesetzt, die beiden anderen gesellen sich jetzt gleicherwiese zu ihnen unter dem grossen Baum.

Dritter Knappe:
Doch, Väterchen, sag' und lehr' uns fein;
Du kanntest Klingsor - wie mag das sein?
Gurnemanz:
Titurel, der fromme Held,
der kannt' ihn wohl.
Denn ihm, da wilder Ferine List und Macht
des reinen Glaubens Reich bedrohten,
ihn neigten sich in heilig ernster Nacht
dereinst des Heilands selige Boten;
daraus der trank beim letzten Liebesmahle,
das Weihgefäss, die heilig edle Schale,
darein am Kreuz sein göttlich' Blut auch floss,
dazu den Lanzenspeer, der dies vergoss -
der Zeugengüter höchtstes Wundergut -
das gaben sie in unsres Königs Hut.
Dem Heiltum baute er das Heiligtum.
Die seinem Dienst ihr zugesindet
auf Pfaden, die kein Sünder findet,
ihr wisst, dass nur dem Reinen
vergönnt ist, sich zu einen
den Brüdern, die zu ohechsten Rettungswerken
des Grales Wunderkräfte stärken.
Drum blieb es dem, nach dem ihr fragt, verwehrt,
Klingsorn, wie hart ihn Müh' auch drob beschwert.
Jenseits im Tale war er eingesiedelt;
darüberhin liegt üpp'ges Heidenland;
unkund blieb mir, was dorten er gesündigt,
doch wollt'er büssen nun, ja heilig werden.
Ohnmächtig, in sich selbst die Sünde zu ertöten,
an sich left'er die Frevlerhand,
Die nun, dem Grale zugewandt,
verachtunsvoll des' Hüter von sich stiess.
Darob die Wut nun Klingsorn unterwies,
wie seines schmäl'chen Opfers Tat
ihm gäbe zu bösem Zauber Rat;
den fand er nun -
Die Wüste schuf er sich zum Wonnegarten,
drin wachsen teflisch holde Frauen;
dort will des Grales Ritter er erwarten
zu böser Lust und Höllengrauen;
wen er verlockt, hat er erworben;
schon viele hat er uns verdorben.
Da Titural, in hohen Alters Mühen,
dem Sohn die Herrschaft hier verliehen;
Amfortas liess es da nicht ruhn,
der Zauberplag' Einhalt zu tun.
Das wisst ihr, wie es dort sich fand;
der Speer ist nun in Klingsors Hand,
kann er selbst Heilige mit dem verwunden,
den Gral auch wähnt' er fest schon uns entwunden!
Kundry hat sich, in wütender Unruhe, oft heftig ungewendet
Vierter Knappe:
Vor allem nun; der Speer kehr' uns zurück!
Dritter Knappe:
Ha! Wer ihm bracht'. Ihm wär's zu Ruhm und Gluck!
Gurnemanz:
Vor dem verwaisten Heiligtum
in brünst'gem Beten lag Amfortas,
ein Rettungszeichen bang erflehend;
ein sel'ger Schimmer da entfloss dem Grale;
en heilig' Traumgesicht
nun deutlich zu ihm spricht
durch hell erschauter Wortezeichen Male;
"Durch Mitleid wissend,
der reine Tor;
harre sein,
den ich erkor."
Die vier Knappen:
in grosser Ergriffenheit
"Durch Mitleid wissend,
der reine Tor..."
Vom See her vernimmt man Geschrei und das Rufen der Ritter und Knappen. Gurnemanz und die vier Knappen fahren auf und wenden sich erschrocken um.
Knappen:

Weh. Weh

Ritter:
Hoho!
Knappen:
Auf!
Ritter:
Wer ist der Frevler?
Ein wilder Schwan flattert matten Fluges vom See daher.
Gurnemanz:
Was gibt's?
Vierter Knappe:
Dort!
Dritter Knappe:
Hier!
Zweiter Knappe:
Ein Schwan!
Vierter Knappe:
Ein Wilder Schwan!
Dritter Knappe:
Er ist verwundet!
Alle Ritter und Knappen:
Ha! Wehe! Wehe!
Gurnemanz:
Wer schoss den Schwan?
Der Schwan sinkt, nach mühsamem Fluge, matt zu Boden; der zweite Ritter zieht ihm den Pfeil aus der Brust.
Erster Ritter:
Der König grüste ihn als gutes Zeichen,
als überm See kreiste der Schwan,
da flog ein Pfeil.
Knappen und Ritter führen Parsifal herein.
Ritter:
Der war's!
Knappen:
Der schoss!
Dies der Bogen!
Zweiter Ritter:
Hier der Pfeil, den seinen gleich.
Gurnemanz:
zu Parsifal
Bist du's, der diesen Schwan erlegte?
Parsifal:
Gewiss! Im Fluge treff'ich, was fliegt!
Gurnemanz:
Du tatest das? Und bangt' es dich nicht vor der Tat?
Knappen und Ritter::
Strafe dem Frevler!
Gurnemanz:
Unerhörtes Werk!
Du konntest morden, hier, im heil'gen Walde,
des Stiller Friede dich umfing?
Des Haines Tiere nahten dir nicht zahm?
Grüssten dich freundlich und fromm?
Aus den Zweigen was sangen die Vöglein dir?
Was tat dir der treue Schwan?
Sein Weibchen zu suchen flog er auf,
mit ihm zu kreisen über dem See,
den so er herrlich weihte zum Bad.
Dem stauntest du nicht? Dich lockt' es nur
zu wild kindischem Bogengeschoss?
Er war uns hold; was ist er nun dir?
Hier - schau her! - hier trafst du ihn,
da starrt noch das Blut, matt hängen die Flügel,
das Schneegefieder dunkel befleckt -
gebrochen das Aug', siehst du den Blick?
Parsifal hat Gurnemanz mit wachsender Ergriffenheit zugehört; jetzt zerbricht er seinen Bogen und schleudert die Pfeile von sich.
Wirst deiner Sündentat du inne?
Parsifal führt die Hand über die Augen.
Sag', Knab, erkennst du deine grosse Schuld?
Wie konntest du sie begehn?
Parsifal:
Ich wüsste sie nicht.
Gurnemanz:
Wo bist du her?
Parsifal:
Das weiss ich nicht.
Gurnemanz:
Wer ist sein Vater?
Parsifal:
Das weiss ich nicht.
Gurnemanz:
Wer sandte dich dieses Weges?
Parsifal:
Das weiss ich nicht.
Gurnemanz:
Dein Name denn?
Parsifal:
Ich hatte viele,
doch weiss ich ihrer keinen mehr.
Gurnemanz:
Das weisst du alles nicht?
Für sich
So dumm wie den
erfand bisher ich Kundry nur!
Zu den Knappen, deren sich immer mehr versammelt haben
Jetzt geht!
Versäumt den König im Bade nicht! Helft!

Die Knappen heben den toten Schwan auf eine Bahre von frischen Zweigen und entfernen sich mit ihm dann nach dem See zu. Schliesslich blieben Gurnemanz, Parsifal und - abseits - Kundry allein zurück. Gurnemanz wendet sich wieder zu Parsifal.

Nun sag'! Nichts weisst du, was ich dich frage;
jetzt meld', was du weisst;
denn etwas musst du doch wissen.
Parsifal:
Ich hab' eine Mutter, Herzeleide sie heisst.
Im Wald und auf wilder Aue waren wir heim.
Gurnemanz:
Wer gab dir den Bogen?
Parsifal:
Den schuf ich mir selbst,
vom Forst die wilden Adler zu verscheuchen.
Gurnemanz:
Doch adelig scheinst du selbst und hochgeboren;
warum nicht liess deine Mutter
bessere Waffen dich lehren?
Parsifal schweigt.
Kundry:
welche während der Erzählung des Gurnemanzvon Amfortas' Schicksal oft in wütender Unruhe heftig sich undgewendet hatte, nun aber, immer in der Waldecke gelagert, den Blick scharf auf Parsifal gerichtet hat, ruft jetzt, da Parsifal schweigt, mit rauher Stimme daher.
Den Vaterlosen gebar die Muter,
als im Kampf erschlagen Gamuret;
vor gleichem frühen Heldentod
den Sohn zu wahren, waffenfremd
in Öden erzog sie zum Toren - die Törin!
Sie lacht
Parsifal:
der mit jäher Aufmerksamkeit zugehört hat
Ja! Und einst am Waldessaume vorbei,
auf schönen Tieren sitzend,
kamen glänzende Männer;
ihnen wollt' ich gleichen;
sie lachten und jagten davon.
Nun lief ich nach, doch konnt' ich sie nicht erreichen;
durch Wildnisse kam ich, bergauf, talab;
oft ward es Nacht, dann wieder Tag;
mein Bogen musste mir frommen
gegen Wild und grosse Männer.
Kundry hat sich erhoben und ist zu den Männern getreten.
Kundry:
Ja! Schächer und Riesen traf seine Kraft;
den freislichen Knaben lernten sie fürchten.
Parsifal:
verwundert
Wer fürchtet mich? Sag!
Kundry:
Die Bösen!
Parsifal:
Die mich bedrohten, waren sie bös?
Gurnemanz lacht.
Parsifal:
Wer ist gut?
Gurnemanz:
wieder ernst
Deine Mutter, der du entlaufen
und die um dich sich nun härmt und grämt.
Kundry:
Zu End ihr' Gram; Seine Mutter ist tot.
Parsifal:
in furchtbaren Schreken
Tot? Meine - Mutter? Wer sagt's?
Kundry:
Ich ritt vorbei und sah sie sterben;
dich Toren hiess sie mich grüssen.
Parsifal springt wütend auf Kundry zu und fasst sie bei der Kehle. Gurnemanz hält ihn zurück.
Gurnemanz:
Verrückter Knabe! Wieder Gewalt?
Was tat dir das Weib? Es sagte wahr;
denn nie lügt Kundry, doch sah sie viel.
Parsifal:
Ich verschmachte!
Kundry ist sogleich, als sie Parsifals Zustand gewahrte, nach einem Waldquell geeilt, bringt jetzt #Wasser in einem Horne, besprengt damit zunächst Parsifal und reicht ihm dann zu trinken.
Gurnemanz:
So recht! So nach des Grales Gnade;
das Böse bannt, wer's mit Gutem vergilt.
Kundry:
Nie tu' ich gutes; nur Ruhe will ich,
nur Ruhe, ach! Der Müden.
Sie wendet sich traurig ab, und während Gurnemanz sich väterlich um Parsifal bemüht, schleppt sie sich, von beiden unbeachtet, einem Waldebüsch zu.
Schalfen! O, dass mich keiner wecke!
Nein! Nicht schlafen! Grausen fasst mich!
Sie verfällt in hefteiges Zittern; dann lässt sie die Arme matt sinken, neigt das Haupt sief und schwankt matt weiter.
Machtlose Wehr! Die Zeit ist da.
Vom See her gewahrt man Bewegung und endlich dem im Hintergrunde sich heimwendenden Zug der Ritter und Kappen mit der Sanfte des Amfortas.
Schlafen - schlafen - ich muss.
Sie sinkt hinter dem Gebüsch zusammen und bleibt von jetzt an unbemerkt.
Gurnemanz:
Vom Bade kehrt der König heim;
hoch steht die Sonne;
nun lass zum frommen Mahle mich dich geleiten;
denn bist du rein,
wird nun der Gral dich tränken und speisen.
Er hat Parsifals Arm sich sanft um den Nacken gelegt und dessen Leib mit seinem eigenen Arme umschlangen; so geleitet er ihn bei sehr allmählichem Schreiten.
Parsifal:
Wer ist der Gral?
Gurnemanz:
Das sagt mich nicht;
doch, bist du selbst zu ihm erkoren,
bleibt dir die Kunde unverloren.
Und sieh!
Mich dünkt, dass ich dich recht erkannt;
kein Weg führt zu ihm durch das Land,
und niemand könnte ihn beschreiten,
den er nicht selber möcht' geleiten.
Parsifal:
Ich schreite kaum,
doch wähn' ich mich schon weit.
Gurnemanz:
Du siehst, mein Sohn,
zum Raum wird hier die Zeit.

Allmählich, während Gurnemanz und Parsifal zu schreiten scheinen, hat sich die Szene bereite immer merklicher verwandelt; es verschwindet so der Wald, und in Felsenwänden öffnet sch ein Torweg, welcher die beiden jetzt einschliesst. Durch aufsteigende gemauerte Gänge führend, hat die Szene sich vollständig verwandelt. Gurnemanz und Parsifal treten jetzt in den mächtigen Saal der Gralsburg ein.

Gurnemanz:
sich zu Parsifal wendend, der wie verzaubet steht
Nun achte wohl und lass mich seh'n;
bist du ein Tor und rein,
welch Wissen dir auch mag beschieden sein.

Szene; Säulenhalle mit Kuppelgewölbe, den Speiseraum überdeckend. Auf beiden Seiten des Hintergrundes werden die Türen geöffnet; von rechts schreiten die Ritter des Grales herein und reihen sich um die Speisetafeln.

Die Gralsritter:
Zum letzten Liebesmahle
gerüstet Tag für Tag,
Ein Zug von Knappen durchschreitet schnelleren Schrittes die Szene nach hinten zu.
gleich ob zun letzten Male
es heut uns letzten mag.
Ein zweiter Zug von Knappen durchschreiten den Saal.
Wer guter Tat sich freut,
ihm wird des Mahl erneut;
der Labung darf er nah'n.
Die herhste Gab' empfahn.

Die versammelten Ritter stellen sich an den Speisetafeln auf. Hier wird von Knappen und dienendern Brüdern durch die entgegengesetzte Türe Amfortas auf einer Sänfte hereingetragen; vor ihm schreiten die vier Knappen, welche den verhängten Schrein des Grales tragen. Dieser Zug begibt sich nach der Mitte des Hintergrundes, wo ein erhöbtes Ruhebett aufgerichtet steht, auf welches Amfortas von der Sänfte herab niedergelassen wird; hiervor steht ein länglicher Steintisch, auf welchen die Knaben den verhängen Gralsschrein hinstellen.

Jünglinge:
Den sündigen Welten,
mit tausend Schmerzen,
wie einst sein Blut geflossen -
dem Erlösungshelden
sei nun mit freudigem Herzen
mein Blut vergossen.
Der Leib, den er zur Sühn' uns bot,
er lebt in kuns durch seinen Tod.
Knaben:
aus der äussersten Höhe der Kuppel
Der Glaube lebt;
die Taube schwebt,
des Heilands holder Bote.
Der für euch fliesst,
des Weines geniesst
und nehmt vom Lebensbrote!

Nachdem alle ihre Stelle eingenommen haben und ein allgemeiner Stillstand eingetreten war, vernimmt man vom tiefsten Hintergrunde her aus einer gewölbten Nische hinter dem Ruhebette des Amfortas die Stimme des alten Titurel wie aus einem Grabe heraufdringend.

Titurel:
Mein Sohn Amfortas, bist du am Amt?
Soll ich den Gral heut noch erschau'n und leben?
Musss ich sterben, vom Retter ungeleitet?
Amfortas:
Wehe! Wehe mir der Qual!
Mein Vater, o! Noch einmal
verrichte du das Amt!
Lebe, leb' - und lass mich sterben!
Titurel:
Im Grabe leb'ich durch des Heilands Huld
Zu schwach doch bin ich, ihm zu dienen.
Du büss' im Dienste deine Schuld!
Enthüllet den Gral!
Amfortas:
Nein! Lass ihn unhenthüllt! Oh!
Dass keiner, keiner diese Qual ermisst,
die mir der Anblick weckt, der euch entzückt!
Was ist die Wunde, ihrer schmerzen Wut,
gegen die Not, die Höllenpein,
zu diesem Amt - verdammt zu sein!
Wehvolles Erbe, dem ich verfallen,
ich, einz'ger Sünder unter allen,
des höchtsten Heiligtums zu pflegen,
auf Reine herabzuflehen seinem Segen!
O Strafe, Strafe ohnegleichen
des - ach! - gekränkten Gnadenreichen! -
Nach ihm, nach seinem Weihegrusse,
muss sehnlich mich's verlangen;
aus tiefster Seele Heilesbusse
zu ihm muss ich gelangen.
Die Stunde naht;
ein Lichtstral senkt sich auf das heilige Werk;
die Hülle fällt.
Des Weihgefässes göttlicher Gehalt
erglüht mit leuchtender Gewalt;
durchzuckt von seligsten Genusses Schmerz,
des heiligsten Blutes Quell
fühl' ich sie giessen in mein Herz;
des eig'nen sündigen Blutes Gewell'
in wahnsinniger Flucht
muss mir zurück dann fliessen,
in die Welt der Sündensucht
mit wilder Scheu sich ergiessen;
von neuem springt es das Tor,
daraus es nun strömt hervor,
hier, durch die Wunde, der seinem gleich,
geschlagen von desselben Speeres Streich,
der dort dem Erlöser die Wunde stach,
aus der mit blut'gen Tränen
der Göttliche weint' ob der Menschheit Schmach,
in Mitleids heiligem Sehnen -
und aus der nun mir, an heiligster Stelle,
dem Pfleger göttlischer Güter,
des Erlösungsbalsams Hüter,
das heisse Sündenblut entquillt,
ewig erneut ausd des Sehnens Quelle,
das, ach! Keine Büssung je mir stillt!
Erbarmen! Erbarmen!
Du Allerbarmer! Ach, Erbarmen!
Nimm mir mein Erbe,
schliesse die Wunde,
dass heilig ich sterbe,
rein Dir gesunde!
Er sinkt wie bewusstlos zurück.
Knaben und jünglinge:
aus der mittleren Höhe
"Durch Mitleid wissend,
der reine Tor;
harre sein;
den ich erkor!"
Die Ritter:
So ward es dir verhiessen;
harre getrost,
des Amtes walte heut!
Titurel:
Enthüllet den Gral!
Amfortas erhebt sich langsam und mühevoll. Die Knaben nehmen die Decke vom goldnen Schreine, entnehmen ihm eine antike Kristallschale, von wlecher sie ebenfalls eine Verhüllung hinwegnehmen, und setzten diese vor Amfortas hin.
Stimmen:
aus der Höhe
Nehmet hin mein Blut,
nehmet hin meinem Leib,
auf dass ihr mein gedenkt!
Hier dringt ein blendender Lichtstral von oben auf die Kristallschale herab; diese erglüht sodann in leuchtender Purpurfarbe, alles sanft bestrahlend. Amfortas, mit verklärter Miene, erhebt den Gral hoch und schwenkt ihn sanft nach alles Seiten, worauf er damit Brot und Wein segnet. Alles ist auf Knien.
Titurel:
O heilige Wonne!
Wie hell grüsst uns heute der Herr!
Amfortas setzt den Gral wieder nieder, welcher nun, während die teife Dämmerung wieder entweicht, immer mehr erblasst; hierauf schliessen die Knaben das Gefäss wieder in den Schrein und bedecken diesen wie zuvor. Hier tritt die früere Tageshelle wieder ein. Die vier Knaben verteilen während des Folgenden aus den zwei Krügen und Körben Wein und Brot.
Knaben:
aus der Höhe
Wein und Brot des letzten Mahles
wandelt' einst der Herr des Grales
durch des Mitleids Liebesmacht
in das Blut, das er vergoss,
in den Leib, den dar er bracht'.
Die vier Knaben, nachdem sie den Schrein verschlossen, nehmen nun die zwei Weinkrüge sowie die zwei Brotkörbe, welche Amfortas zuvor durch das Schwenken des Gralskelches über sie gesegnet hatte, von dem Altartische, verteilen das Brot an die Ritter und füllen die vor ihnen stehenden Becher mit Wein. Die Ritter lassen sich zum Mahle nieder, so auch Gurnemanz, welcher einen Platz neben sich leer hält und Parsifal durch ein Zeichen zur Teilnehmung am Mahle einlädt; Parsifal bleibt aber starr und stumm, wie gänzlich entrückt, zur Seite stehen.
Jünglinge:
aus der mittlerem Höhe der Kuppel
Blut und Leib der heil'gen Gabe
wandelt heut zu eurer Labe
sel'ger Tröstung Liebesgeist
in den Wein, der euch nun floss,
in das Brot, das heut ihr speist.
Die Ritter:
erste Hälfte
Nehmet vom Briot,
wandelt es kühn
in Leibes Kraft und Stärke;
treu bis zum Tod;
fest jedem Mühn,
zu wirken des Heilands Werke!
Die Ritter:
zweite Hälfte
Nehmet vom Wein,
wandelt ihn neu
zu Lebens feurigem Blute.
Froh im Verein,
brudergetreu
zu kämpfen mit seligem Mute!
Alle Ritter:
Selig im Glauben!
Selig im Glauben und Liebe!
Jünglinge und Knaben:
Selig im Liebe!
Selig im Glauben!

Die Ritter haben sich erhoben und schreiten von beiden Sieten aufeinander zu, um während des Folgenden sich feierlich zu umarmen. Während des Mahles, an welchem er nicht teilnahm, ist Amfortas aus seiner begeisterungsvollen Erhebung allmählich wieder herabgesunken; er neigt das Haupt und hält die Hand auf die Wunde. Die Knaben nähen sich ihm, ihre Bewegungen deuten auf das erneuerte Bluten der Wunde; sie pflegen Amfortas, geleiten ihn wieder auf die Sänfte, und, während alle sich zum Aufbruch rüsten, tragen sie, in der Ordnung wie sie kamen, Amfortas und den heiligen Schrein wieder von dannen. Die Ritter ordnen sich ebenfalls wieder zum feierlichen Zug und verlassen langsam den Saal. Verminderte tageshelle tritt ein. Knappen siehen wieder schnelleren Schrittes durch die Halle. Die letzen Ritter und Knaben haben den Saal verlassen; die Türen werden geschlossen. Parsifal hatte bei dem vorangegangenen stärksten Klagerufe des Amfortas eine heftige Bewegung nach dem Herzen gemacht, welches er krampfhaft eine Zeitlang gefasst hielt; jetzt steht er noch wie erstarrt, regungslos da. Gurnemanz tritt missmutig an Parsifal heran und rüttelt ihn am Arme.

Gurnemanz:
Was stehst du noch da?
Weisst du, was du sahst?
Parsifal fasst sich krampfhaft am Herzen und schüttelt dann ein wenig mit dem Haupte.
Du bist doch eben nur ein Tor!
Er öffnet eine Schmale Seitentür.
Dort hinaus, deine Wege zu!
Doch rät dir Gurnemanz;
lass du hier künftig die Schwäne in Ruh'
und suche dir, Gänser, die Gans!
Er stösst Parsifal hinaus und schlägt mürrisch hinter ihm die Türe stark zu. Während er dann den Rittern folgt, schliesst auf dem letzten Takte mit der Fermata sich der Vorhang.
Eine Altstimme:
Durch Mitleid wissend,
der reine Tor.
Stimmen:
aus der mittleren und höchsten Höhe
Selig im Glauben!
Glocken

Zweiter Aufzug

Klingsors Zauberschloss - am Südabhang derselben Gebirge, dem arabischen Spanien zugewandt anzunehmen. Im inneren Verliesse eines nach oben offenen Turmes. Steinstufen führen nach dem Zinnenrande der Turmmauer; Finsternis in der Tiefe, nach welcher es von dem Mauervorsprunge, den der Bühnenboden darstellt, hinabführt. Zauberwerkzeuge und nekromantische Vorichtungen. Klingsor auf dem Mauernvorsprunge zur Seite, vor einem Metallspiegel sitzend.

Klingsor:
Die Zeit ist da.
Schon lockt mein Zauberschloss den Toren,
den, kindisch jauchzend, fern ich nahen seh' -
Im Todesschlafe hält der Fluch sie fest,
der ich den Krampf zu lösen weiss.
Auf denn! Ans Werk!
Er steigt, der Mitte zu, etwas tiefer herab und entzündet dort Räucherwerk, welches alsbald den Hintergrund mit einem blaeulichen Dampf erfüllt. Dann setzt er vor die Zauberwerkzeuge und ruft, mit geheimnesvollen Gebärden, nach dem Abgrunde:
Herauf! Herauf! Zu mir!
Dein Meister ruft dich, Namenlose,
Urteufelin! Höllenrose!
Herodias warst du, und was noch?
Gundryggia dort, Kundry hier!
Hieher! Hieher denn, Kundry!
Dein Meister ruft; herauf!
In dem blaeulichen Lichte steigt Kundry Gestalt herauf. Sie scheint schlafend. Allmählich aber macht sie die Bewegungen einer Erwachenden. Schliesslich stösst sie einen grässlichen Schrei aus.
Erwachst du? Ha!
Meinem Banne wieder
verfallen heut zur rechten Zeit.
Kundry lässt ein Klagegeheul, von grösster Heftigkeit bis zu bangem Wimmern sich abstufend, vernehmen.
Sag', wo triebst du dich wieder umher?
Pfui! Dort bei dem Rittergesipp,
wo wie ein Vieh du dich halten lässt!
Gefällt dir's bei mir nicht besser?
Als ihren Meister du mir gefangen -
haha - den reinen Hüter des Grales -
was jagte ich da wieder fort?
Kundry:
rauh und abgebrochen, wie im Versuche, wieder Sprache zu gewinnen
Ach! Ach! Tiefe Nacht!
Wahnsinn! Oh! Wut!
Ach! Jammer!
Schlaf.. schlaf...
Tiefer Schlaf! Tod!
Klingsor:
Da weckte dich ein and'rer? He?
Kundry:
Ja.. mein Fluch!
Oh... Sehnen! Sehnen!
Klingsor:
Haha! Dort, nach den keuschen Rittern?
Klingsor:
Da, da, dient' ich.
Klingsor:
Ja. Ja, den Schaden zu vergüten,
den du ihnen böslich gebracht?
Sie helfen dir nicht;
feil sind sie alle,
biet' ich den rechten Preis.
Der festeste fällt,
sinkt er dir in die Arme,
und so verfällt er dem Speer,
den ihrem Meister selbst ich entwandt.
Den Gefährlichsten gilt's nun heut zu bestehn;
ihn schirmt der Torheit Schild.
Kundry:
Ich will nicht. O! O!
Klingsor:
Wohl willst du, denn du musst.
Kundry:
Du.. kannst mich... nicht... halten.
Klingsor:
Aber dich fassen.
Kundry:
Du?
Klingsor:
Dein Meister.
Kundry:
Aus welcher Macht?
Klingsor:
Ha! Weil einzig an mir
deine Macht.. nichts vermag.
Kundry:
grell lachend
Haha! Bist du keuch?
Klingsor:
wütend
Was fragest du das, verfluchtes Weib?
Er versinkt in finstres Brüten.
Furchtbare Not!
So lacht nun der Teufel mein,
dass einst ich nach dem Heiligen rang?
Furchtbare Not!
Ungebändigten Sehnens Pein,
schrecklichster Triebe Höllendrang,
den ich zum Todesschweigen mir zwang -
lacht und höhnt er nun laut
durch dich, des Teufels Braut?
Hüte dich!
Hohn und Verachtung büsste schon einer;
der Stolze, stark in Heiligkeit,
der einst mich von sich stiess.
Sein Stamm verfiel mir,
unerlöst
soll der Heiligen Hüter mir schmachten;
und bald - so wähn ich -
hüt ich mir selbst den Gral -
Haha!
Gefiel er dir wohl, Amfortas, der Held,
den ich zur Wonne dir gesellt?
Kundry:
Oh! Jammer! Jammer!
Schwach auch er! Schwach.. alle!
Meinem Fluche mit mir
alle verfallen!
Öwiger Schlaf,
einziges Heil,
wie, wie dich gewinnen?
Klingsor:
Ha! Wer's dir trotzte, löste dich frei;
versuch's mit dem Knaben, der naht!
Kundry:
Ich . . . will nicht!
Klingsor:
steigt hastig auf die Tormauer
Jetzt schon erklimmt er die Burg.
Kundry:
Oh! Wehe! Wehe!
Erwachte ich darum?
Muss ich? Muss?
Klingsor:
hinabblickend
Ha! Er ist schön, der Knabe!
Kundry:
Oh! - Oh! Wehe mir! Klingsor stösst, nach aussen gewandt, in ein Horn.
Klingsor:
Ho! Ihr Wächter! Ho! Ritter!
Helden! Auf! Feinde nah!
Ha! Wie zur Mauer sie stürmen,
die betörten Eigenbolde,
zum Schutz ihres schönes Geteufels!
So! Mutig! Mutig!
Haha! Der fürchtet sich nicht!
Dem Helden Ferris entwand er die Waffe;
die führt er nun feislich wieder den Schwarm.
Kundry gerät in unmeimliches ekstatisches Lachen bis zu krampfhalten Wehegeschrei.
Wie übel den Tölpeln der Eifer gedeiht!
Dem schlug er den Arm, jenem den Schenkel!
Kundry schreit auf und verschwindet.
Haha! Sie weichen. Sie fliehen.
Das blaeuliche Licht ist erloschen; volle Finsternis in der Tiefe, wogegen glänzende Himmelsbläue über der Mauer.
Seine Wunde trägt jeder nach heim!
Wie das ich euch gönne!
Möge denn so das ganze Rittergezücht
unter sich selber sich würgen!
Ha! Wie stolz er nun steht auf der Zinne!
Wie lachen ihm die Rosen der Wangen,
da kindisch erstaunt
in den einsamen Garten er blickt!
Er wendet sich nach der Tiefe des Hintergrundes um.
He! Kundry!
Wie? Schon am Werk?
Haha! Den Zauber wusst' ich wohl,
der immer dich wieder zum Dienst mir gesellt!
Sich wieder nach aussen wendend
Du da, kindlischer Spross,
was auch
Weissagung dich wies,
zu jung und dumm
fielst du in meine Gewalt;
die Reinheit dir entrissen,
bleibst mir du zugewiesen!
Er versinkt schnell mit dem ganzen Turme; zugleich steigt der Zaubergarten auf und erfüllt die Bühne gänzlich. Tropische Vegetation, üppigste Blumenpracht; nach dem Hintergrunde zu Abgrenzung durch die Zinne der Burgmauer, an welche sich seitwärts Vorsprünge des Schlossbaues selbst, arabischen reichen Stiles, mit Terrassen anlehnen. Auf der Mauer steht Parsifal, staunend in den Garten hinabblickend. Von allen Seiten her, zürt aus dem Garten, dann aus dem Palaste, stürzen wirr durcheinander, einzeln, dann zugleich immer mehr schöne Mädchen herein; sie sind mit flüchtig übergeworfenen, zartfarbigen Schleiern verhüllt, wie soeben aus dem Schlafe aufgeschreckt.
Alle Mädchen:
Hier was das Tosen! Hier, hier!
Waffen! Wilde Rüfe! Whehe!
Wer ist der Frevler?
Wo ist der Frevler?
Auf zur Rache!
Erstes Mädchen I Gruppe:
Mein Geliebter verwundert!
Erstes Mädchen II Gruppe:
Wo find' ich den meinen?
Zweites Mädchen I Gruppe:
Ich erwachte alleine!
Chor I und II:
Wohin entflohn sie?
Erstes Mädchen II Gruppe:
Wo ist mein Geliebter?
Drittes Mädchen I Gruppe:
Wo find ich den meinen?
Zweites Mädchen II Gruppe:
Ich erwachte alleine!
Alle Mächen:
Wo sind undsre Liebsten?
Drinnen im Saale!
Wo sind unsre Libsten?
Wir sahn sie im Saale.
Wir sahn sie mit blutender Wunde.
Wehe! Wehe! Auf, zur Hilfe!
Wer ist unser Feind?
Sie gewahren Parsifal und zeigen auf ihn.
Da steht er!
Seht ihn dort, seht ihn dort!
Da steht er! Wo? Dort!
Ha! Ich sah's!
Erstes Mädchen I Gruppe:
Meines Ferris Schwert in seiner Hand!
Zweites Mädchen I Gruppe:
Meines Liebsten Blut hab ich erkannt.
Chor I und II:
Der stürmte die Burg!
Drittes Mädchen II Gruppe:
Ich hörte des Meisters Horn.
Drittes Mädchen I Gruppe & Zweites Mädchen II Gruppe:
Ja, wir hörten sein Horn.
Chor I und II:
Der war's!
Erstes und drittes Mädchen:
Mein Held lief herzu.
Zweites & drittes Mädchen I Gruppe:
Sie kamen alle herzu.
Erstes Mädchen I Gruppe:
Mein Held lief herzu.
Chor I & II:
abstimmen
Sie alle kamen, doch jeden empfing seine Wehr!
Weh! Weh ihm, der sie uns schlug!
Zweites Mädchen I Gruppe & Mädchen aus Chor I:
Der schlug mir den Liebsten.
Erstes Mädchen I GrupParsifal:e & Mädchen aus den Chören:
Mir traf er den Freund.
Zweites Mädchen II Gruppe & Mädchen aus den Chören:
Noch blutet die Waffe!
Erstes Mädchen II Gruppe & Mädchen aus den Chören:
Meines Liebsten Feind.
Alle Mädchen:
Weh! Du dort! Ach wehe!
Was schufst du soche Not?
Verwünscht, verwünchst sollst du sein!
Parsifal springt tiefer in den Garten herab.
Ha! Kühner!
Erstes Mädchen I Gruppe, Erstes & zweites Mächen II Gruppe:
Wagst du zu nahen?
Zweites und drittes Mädchen I Gruppe, drittes Mädchen II Gruppe:
Was schlugst du unsre Geliebten?
Parsifal:
Ihr schönen Kinder, musst' ich sie nicht schlagen?
Zu euch, ihr Holden, ja wehrten sie mir den Weg.
Erstes Mädchen II Gruppe:
Zu uns wolltest du?
Erstes Mädchen I Gruppe:
Sahst du uns schon?
Parsifal:
Noch nie sah ich solch zieres Geschlecht:
nenn' ich euch schön, dünkt euch das recht?
Zweites Mädchen I Gruppe:
So willst du uns wohl nicht schlagen?
Zweites Mädchen II Gruppe:
Willst uns nicht schlagen?
Parsifal:
Das möcht' ich nicht.
Erstes Mädchen II Gruppe:
Doch Schaden schufst du uns so vielen!
Zweites und drittes Mädchen, I und II Gruppe:
Grossen und vielen!
Erstes Mädchen I und II Gruppe:
Du schlugest unse Gespielen.
Alle Mädchen:
Wer spielt nun mit uns?
Parsifal:
Das tu ich gern!
Die Mädchen, von Verwunderung in Heiterkeit übergegangen, brechen jetzt in ein lustiges Gelächter aus. Währen Parsifal immer näher zu den aufgeregten Gruppen tritt, entweichen umerklich die Mädchen der ersten Gruppe und des ersten Chors hinter den Blumenhag, um ihren Blumenschmuck zu vollenden.
Chor I:
Bist du uns hold?
II Gruppe:
So bleib nicht fern!
Chor II:
Bleib nicht gern von uns.
Erstes Mädchen II Gruppe:
Und willst du uns nicht schelten..
Zweites Mädchen II Gruppe:
Wir werden dir's entgelten:
II Gruppe:
Wir spielen nicht um Gold.
Erstes Mädchen II Gruppe:
Wir spielen um Minnesold.
Zweites Mädchen II Gruppe:
Willst auf Trost du uns sinnen...
Erstes Mädchen II Gruppe:
...sollst den du uns abgewinnen!
Die Mädchen der ersten Gruppe und des ersten Chors kommen, mit dem Folgenden, ganz in Blumengewändern, selbst Blumen erscheinend, zurück und stürzen sich sofort auf Parsifal.
Zweite Blume I Gruppe:
Lasset den Knaben!
Erste Blume I Gruppe:
Er gehöret mir!
Dritte Blume, zweite Blume I Gruppe:
Nein!
Chor I:
Nein! Mir!
Chor II und I Gruppe:
Ha! Die Falschen!
Sie schmückten heimlich sich.
Während die Zurückgekommenen sich am Parsifal herandrängen, verlassen die Mädchen der zweiten Gruppe und des zweiten Chores hastig die Szene, um sich ebenfalls zu schmücken.
Chor I und I Gruppe:
während sie, wie in anmutigem Kinderspiele, in abwechselndem Reigen um Parsifal sich drehen.
Komm, komm, holder Knabe!
Komm, komm! Lass mich dir blühen!
Holder Knabe, die zu Wonn' und Labe
gilt mein minniges Mühen!
Erste Blume I Gruppe:
Komm, o holder Knabe!
Zweite und dritte Blume I Grupppe:
Holder Knabe!
Der zweite Gruppe und der zweite Chor kommen, ebenfalls geschmückt, zurück und gesellen sich zum Spiele.
Alle Blumenmädchen:
Komm! Komm, holder Knabe!
Lass mich dir erblühen!
Dir zu Wonn' und Labe
gilt unser minniges Mühen!
Parsifal:
heiter ruhig in der Mitte der Mädchen
Wie duftet ihr hold!
Seid ihr denn Blumen?
Erste Blume I Gruppe:
Des Garten Zier. . .
Zweite Blume I und II Gruppe:
.. und duftende Geister.
Erste Blume I und II Gruppe:
Im Lenz pflückt uns der Meister!
Zweite Blume I und II Gruppe:
Wir wachsen hier...
Erste Blume I und II Gruppe:
.. in sommer und sonne...
Erste und Zweite Blume I und II Gruppe:
für dich erblühend in Wonne.
Dritte Blume I und II Gruppe und Chor I:
Nun sei uns freund und hold!
Zweite Blume I und II Gruppe und Chor II:
Nicht karge den Blumen den Sold!
Alle Blumen:
Kannst du uns nicht lieben und minnen,
wir welken und sterben dahinnen.
Erste Blume II Gruppe:
An deinen Busen nimm mich!
Chor der Blümenmädchen:
Komm, holder Knabe!
Erste Blume I Gruppe:
Die Stirn lass mich dir kühlen!
Chor I und II:
Lass mich dir erblühen!
Zwiete Blume I Gruppe:
Lass mich die Wange dir fühlen!
Zweite Blume II Gruppe:
Den Mund lass mich dir küssen!
Erste Blume I Gruppe:
Nein! Ich! Die Schönste bin ich!
Zweite Blume I Gruppe:
Nein! Ich bin die Schönste!
Chor I und II:
ich bin schöner!
Erste Blume II Gruppe:
Nein! Ich dufte süsser!
Alle anderen:
Nein, ich! Ich! Ja, ich!
Parsifal:
ihrer anmutigen Zudringlichkeit sanft wehrend
Ihr wild holdes Blumengedränge,
soll ich mit euch spielen, entlasst mir der Enge!
Erste Blume II Gruppe:
Was zankest du?
Parsifal:
Weil ihr euch streitet.
Erste Blume I Gruppe, dann Zweite Blume II Gruppe:
Wir streiten nur um dich.
Parsifal:
Das meidet.
Zweite Blume I Gruppe:
Du lass von ihm; sieh, er will mich!
Dritte Blume I Gruppe:
Mich lieber!
Dritte Blume II Gruppe:
Nein, mich!
Zweite Blume II Gruppe:
Nein, lieber will er mich!
Erste Blume II Gruppe:
Du wehrest mich von dir?
Erste Blume I Gruppe:
Du scheuchest mich fort?
Zweite und dritte Blume I Gruppe, dritte Blume II Gruppe:
Du wehrest mir?
Chor II:
Wie, bist du feige vor Frauen?
Alle Blumen II Gruppe:
Magst du nicht getrauen?
Chor II:
Magst du nicht getrauen?
Erste Blume I Gruppe:
Wie schlimm bist du, Zager und Kalter!
Chor I und II:
Wie schlimm! So zag?
Erste Blume II Gruppe:
Wie schlimm bist du, Zager und Kalter!
Chor II:
So Zag und Kalt!
Erste Blume I Gruppe:
Die Blümn lässt du umbuhlen den Falter?
Zweite und dritte Blume I Gruppe:
Wie ist er zag!
Zweite und dritte Blume II Gruppe:
Wie ist er kalt!
Chor I:
Auf! Wiechet dem Toren!
Alle Blumen I und II Gruppe:
Wir geben ich verloren.
Chor II:
Doch sei er uns erkoren!
Alle Blumen II Gruppe:
Nein, mir gehört er an!
Alle Blumenmädchen:
Nein, uns gehört er! Ja uns!
Auch mir! Ja mir!
Parsifal:
halb ärgerlich die Mädchen abscheuchend
Lasst ab! Ihr fangt mir nicht!
Parsifal will fliehen, als er Kundrys Stimme vernimmt und betroffen still steht.
Kundry:
Parsifal! Weile!
Die Mädchen sind bei dem Vernehmen der Stimme Kundrys erschrocken und haben sich alsbaldvon Parsifal zurückgehalten.
Parsifal:
Parsifal?
So nannte träumend mich einst die Mutter.
Kundry:
hier weile! Parsifal!
Dich grüsset Wonne und Heil zumal.
Ihr kindischen Buhlen, weichet von ihm;
früh welkende Blumen,
nich euch ward er zum Spiele bestellt.
Geht heim, pfleget der Wunden,
einsam erharrt euch mancher Held.
Die Mädchen entfernen sich zaghaft und widerstrebend von Parsifal und ziehen sich allmählich nach dem Schlosse zurück.
Erste Blume, dann dritte Blume II Gruppe:
Dich zu lassen!
Zweite Blume II Gruppe:
Dich zu meiden!
Dritte Blume, dann Erste Blume I Gruppe:
O, wehe!
Zweite Blume I Gruppe:
O, wehe der Pein!
Chor I und II:
O wehe!
Alle Blumen I Gruppe:
Von allen möchten gern wir scheiden. .
Alle Blumen I und II Gruppe:
...mit dir allein zu sein.
Chor I und II:
Leb wohl, leb wohl!
Leb wohl, du Holder, du Stolzer, du - Tor!
Mit dem letzten sind die Mädchen unter Gelächter im Schlosse verschwunden.
Parsifal:
Dies alles... hab' ich nun geträumt?
Er sieht sich schüchtern nach der Seite hin um, von welcher die Stimme kam. Dort ist jetzt, durch Enthauellung des Blumenhages, ein jugendliches Weib von höchster Schönheit - Kundry, in durchaus verwandelter Gestalt - auf einem Blumenlager, in leicht verhüllender, phantastischer Kleidung, annähernd arabischen Stiles - sichtbar geworden.
Riefest du mich Namenlosen?
Kundry:
Dich nannt'ich, tör'ger Reiner,
"Fal parsi",
dich reinen Toren, "Parsifal".
So rief, als in arab'schem Land er verschied,
dein Vater Gamuret dem Sohne zu,
den er, im Mutterschoss verschlossen,
mit diesem Namen sterbend grüsste.
Ihn dir zu künden, harrt'ich deiner hier:
was zog dich her, wenn nicht der Kunde Wunsch?
Parsifal:
Nie sah ich, nie träumte mir, was jetzt
ich schau, und was mit Bangen mich erfüllt.
Entblühtest du auch diesem Blumenhaine?
Kundry:
Nein, Parsifal, du tör'ger Reiner!
Fern, fern ist mein Heimat.
Dass du mich fändest, verweilte ich nur hier.
Von weit her kam ich, wo ich viel ersah.

Ich sah das Kind am seiner Mutter Brust,
sein erstes Lallen lacht mir noch im Ohr;
das Leid im Herzen,
wie lachte da auch Herzeleide,
als ihren Schmerzen
zujauchzte ihrer Augen Weide!
Gebettet sanft auf wiechen Moosen,
den hold geschläfert sie mit Kosen,
dem, bang in Sorgen,
den Schlummer bewach't der Mutter Sehnen,
den weckt' am Morgen
der hiesse Tau der Muttertränen.
Nur Weinen war sie, Schmerzgebaren,
um deines Vaters Lieb' und Tod.
Vor gleicher Not dich zu bewahren,
galt ihr als höchster Pflicht Gebot.
Den Waffen fern, der Männer Kampf und Wären,
wollte sie still dich bergen und behüten.
Bur Sorgen war sie, ach! Und Bangen;
nie sollte Kunde zu dir hergelangen.
Hörst du nicht noch ihrer Klage Ruf,
wann spät und fern du geweilt?
Hei! Was ihr das Lust und Lachen schuf,
wann sie suchend dann dich ereilt;
wann dann ihr Arm dich wütend umschlang,
ward dir es wohl gar beim Küssen bang?
Doch ihr Wehe du night vernahmst,
nicht ihrer Schmerzen Toben,
als endlich du nicht wiederkamst
und deine Spur verstoben!
Sie harrte Nächt' und Tage,
bis ihr verstummt' die Klage,
der Gram ihr zehrte den Schmerz,
um stillen Tod sie warb;
ihr brach das Leid das Herz,
und - Herzeleide - starb.
Parsifal:
immer ernsthafter, endlich furchtbar betroffen, sinkt, schmerzlich überwältigt, zu Kundrys Füssen nieder
Wehe! Wehe! Was tat ich? Wo war ich?
Mutter! Süsse, holde Mutter!
Dein Sohn, dein Sohn musste dich morden!
O Tor! Blöder, taumelnder Tor.
Wo irrtest du hin, ihrer vergessend,
deiner, deiner vergessend!
Traute, teuerste Mutter!
Kundry:
war dir fremd noch der Schmerz,
des Trostes Süsse
labte nie auch dein Herz;
das Wehe, das dich reut,
die Not nun büsse
im Trost, den Liebe dir beut.
Parsifal:
im Trübsinn immer tiefer sich sinken lassend
Die Mutter, dei Mutter konnt ich vergessen!
Ha! Was alles vergass ich wohl noch?
Wes war ich je noch eingedenk?
Nur dumpfe Torheit lebt in mir.
Kundry, immer noch in halb liegender Stellung, beugt sich über Parsifals Haupt, fasst sanft seine Stirn und schling traulich ihren Arm um seinen Nacken.
Kundry:
Bekenntnis
wird Schuld in Reue enden,
Erkenntnis
in Sinn die Torheit wenden.
Die Liebe lerne kennen,
die Gamuret umschloss,
als Herzeleids Entbrennen
ihn sengend überfloss!
Die Leib und Leben
einst dir gegeben,
der Tod und Torheit weichen muss,
sie beut dir heut,
als Muttersegens letzten Gruss,
der Liebe - ersten Kuss.
Sie hat ihr Haupt völlig über das seinige geneigt und küsst ihn lange auf seinen Mund. Plötzlich fährt Parsifal mit einer Gebärde des höchsten Schreckens auf; seine Haltung drückt eine furchtbare Veränderung aus; er stemmt seine Hände gewaltsam gegen das Herz, wie um einen zerressenden Schmerz zu bewältigen.
Parsifal:
Amfortas! Die Wunde! Die Wunde!
Sie brennt mir hier zur Seite!
O, Klage! Klage!
Furchtbare Klage!
Aus tiefstem Herzen schriet sie mir auf.
Oh! Oh!
Elender! Jammervollster!
Die Wunde sah ich bluten;
nun blutet sie in mir.
Hier - hier!
Nein! Nein! Nicht die Wunde ist es.
Fliesse ihr Blut in Strömen dahin!
Hier! Hier! Im Herzen der Brand!
Das Sehnen, das furchtbare Sehnen,
das alle Sinne mir fasst und zwingt!
O! Qual der Liebe!
Wie alles schauert, bebt und zuckt
in sündigem Verlangen!
Während Kundry in Schrecken und Verwunderung aug Parisfal hinstarrt, gerät dieser in völlige Entrückheit.
Es starrt der Blick dumpf auf das Heilsgefäss -
das heil'ge Blut erglüht;
erlösungswonne, göttlich mild,
durchzittert wiethin alle Seelen;
nur hier, im Herzen, will die Qual nicht weichen.
Des Heilands Klage da vernehm ich,
die Klage - ach! Die Klage
um das entweihte Heiligtum.
"Erlöse, rette mich
aus schuldbefleckten Händen!"
So rief die Gottesklage
furchtbar laut mir in die Seele.
Und ich - der Tor, der Feige,
zu wilden Knabentaten floh ich hin!
Er stürzt verzweiflungsvoll auf die Knie.
Erlöser! Heiland! Herr der Huld!
Wie büss ich, Sünder, meine Schuld?
Kundry, deren Erstaunen in leidenschaftliche Bewunderung übergegangen, sucht schüchtern sich Parsifal zu nähern.
Kundry:
Gelobter Held! Entflieh dem Wahn!
Blick auf! Sei hold der Huldin Nahn!
Parsifal:
immer in gebeugter Stellung, starr zu Kundry aufblickend, während diese sich zu ihn neigt und die liebkosenden Bewegungen ausführt, die er mit dem Folgenden bezeichnet
Ja! Diese Stimme! So rief sie ihm -
und diesen Blick, deutlich erkenn ich ihn -
auch diesen, der ihm so friedlos lachte;
die Lippe - ja - so zuckte sie ihm,
so neigte sich ser Nacken -
so hob sich kühn das Haupt;
so flatterten lachend die Locken -
so schlang um den Hals sich der Arm -
so scmeichelte weich die Wange!
Mit aller Schmerzen Qual im Bunde,
das Heil der Seele
entküsste ihm der Mund!
Er erhebt sich allmählich.
Ha! Dieser Kuss!
Er stösst Kundry von sich.
Verderberin! Weiche von mir!
Ewig! Ewig - von mir!
Kundry:
in höchster Leidenschaft
Grausamer!
Fühlst du im Herzen
nur and'rer Schmerzen,
so fühle jetzt auch die meinen!
Bist du Erlöser,
was bannt dich, Böser,
nicht mir auch zum Heil dich zu einen?
Seit Ewigkeiten - harre ich deiner,
des Heilands, ach! So spät!
Den einst ich kühn geschmäht.
Oh!
Kenntest du den Fluch,
der mich durch Schlaf und Wachen,
durch Tod und Leben,
Pein und Lachen,
zu neuem Leiden neu gestählt,
endlos durch das Dasein quält!

Ich sah ihn - ihn -
und... lachte!
Da traf mich sein Blick!
Nun such' ich ihn von Welt zu Welt
ihm wieder zu begegnen.
In höchster Not
wähn' ich sein Auge schon nah,
den Blick schon auf mir ruh'n.
Da kehrt mir das verfluchte Lachen wieder;
ein Sünder sinkt mir in die Arme!
Da lach' ich - lache -
kann nicht weinen,
nur schreien, wüten,
toben, rasen,
in stets erneuter Wahnsinns Nacht,
aus der ich büssend kaum erwacht.
Den ich ersehnt in Todesschmachten,
den ich erkannt, den blöd Verlachten,
lass mich an seinem Busen weinen,
nur eine Stunde mich dir vereinen,
und, ob mich Gott und Welt verstösst,
in dir entsündingt sein und erlöst!
Parsifal:
Auf Ewigkeit
wärst du verdammt mit mir
für eine Stunde
Vergessens meiner Sendung
in deines Arms Umfangen!
Auch dir bin ich zum Heil gesandt,
bleibst du dem Sehnen abgewandt.
Die Labung, die dein Leiden endet,
beut nicht der Quell, aus dem es fliesst;
das Heil wird nimmer dir gespendet,
eh jener Quell sich dir nicht schliesst.
Ein andres ist's - ein andres, ach!
Nach dem ich jammernd schmachten sah,
die Brüder dort, in grausen Nöten,
den Leib sich quälen und ertöten.
Doch wer erkennt ihn klar und hell,
des einz'gen Heiles wahren Quell?
Kundry:
in wilder Begeisterung
So war es mein Kuss,
der welthellsichtig dich machte?
Mein volles Liebesumfangen
lässt dich dann Gottheit erlangen.
Die Welt erlöse, ist dies dein Amt;
schuf dich zum Gott die Stunde,
für sie lass mich ewig dann verdammt,
nie heile mir die Wunde!
Parsifal:
Erlösung, Frevlerin, biet' ich auch dir.
Kundry:
Lass mich die Göttlichen lieben,
Erlösung gabst du dann auch mir.
Parsifal:
Lieb' und Erlösung soll dir werden,
zeigest du
zu Amfortas mir den Weg.
Kundry:
in Wut ausbrechend
Nie- sollst du ihn finden!
Den Verfallnen, lass ihn verderben,
den Unsel'gen,
Schmachlüsternen,
den ich verlachte - lachte - lachte!
Hah! Ihn traf ja eigne Speer!
Parsifal:
Wer durft' ihn verwunden mit der heil'gen Wehr?
Kundry:
Er - er -
der einst mein Lachen bestraft -
sein Fluch - ha! - mir gibt er Kraft -
gegen dich selbst ruf' ich die Wehr,
gibst du dem Sünder des Mitleids Ehr'!
Ha! Wahnsinn!
Flehend
Mitleid! Mitlleid mit mir!
Nur eine Stunde mein!
Nur eine Stunde dein -
und des Weges
sollst du geleitet sein!
Parsifal:
Vergeh, unseliges Weib!
Kundry:
rafft sich mit wildem Wutrasen auf und ruft nach dem Hintergrunde zu
Hilfe! Hilfe! Herbei!
Haltet den Frechen! Herbei!
Wehrt ihm die Wege!
Wehrt ihm die Pfade!
Und flöhest du von hier, und fändest
alle Wege der Welt,
den Weg, den du suchst,
des Pfade sollst du nicht finden;
den Pfad' und Wege,
die dich mir entführen,
so verwünsch' ich sie dir;
Irre! Irre!
Mir so vertraut -
dich weih' ich ihm zum Geleit! Klingsor ist auf der Burgmauer herausgetreten und schwenkt eine Lanze gegen Parsifal
Klingsor:
Halt da! Dich bann'ich mit der rechten Wehr!
Den Toren stelle mir seines Meisters Speer!
Er schleudert auf Parsifal den Speer, welcher über dessen Haupte schweben bleibt.
Parsifal:
erfasst den Speer mit der Hand und hält ihn über seinem Haupte
Mit diesem Zeichen bann'ich deinen Zauber;
wie die Wunde er schliesse,
die mit ihm du schlugest,
in Trauer und Trümmer
stürz' er die trügende Pracht!
Er hat den Speer im Zeichen des Kreuzes geschwangen; wie durch ein Erdbeben versinkt das Schloss. Der Garten ist schnell zur Einöde verdorrt; verwelkte Blumen verstreuen sich auf dem Boden. Kundry ist schreiend zusammengesunken. Parsifal hält im Enteilen noch einmal an und wendet sich von der Höhe der Mauertrümmer zu Kundry zurück.
Parsifal:
Du weisst -
wo du mich wiederfinden kannst!
Er enteilt. Kundry hat sich ein wenig erhoben und nach ihm geblickt.


Dritter Aufzug

Im Gebiete des Grales. Freie, anmutige Frühlingsgegend mit nach dem Hintergrunde zu sanft ansteigender Blumenaue. Den Vordergrund nimmt der Saum des Waldes ein, der sich nach rechts zu aufsteigendem Felsengrund ausdehnt. Im Vordergrunde, an der Waldseite, ein Quell; ihm gegenüber, etwas tiefer, eine schlichte Einsiedlerhütte, an einen Felsblock gelehnt. Frühester Morgen. Gurnemanz, zum hohen Greiuse gealtert, als Einsiedler, nur in das Hemd der Gralritter gekleidet, tritt aus der Hütte und lauscht.

Gurnemanz:
Von dorther kam das Stöhnen.
So jammervoll klagt kein Wild,
und gewiss gar nicht am heiligsten Morgen heut.
Dumpfes Stöhnen von Kundrys Stimme
Mich dünkt, ich kenne diese Klageruf.
Er schreitet entschlossen einer Dornenhecke auf der Seite zu; diese ist gänzlich überwachsen; er reisst mit Gewalt das Gestrüpp audeinander, dann hält er plötzlich an.
Ha! Sie! - wieder da?
Das winterlich rauhe Gedörn
hielt sie verdeckt; wie lang schon?
Auf! Kundry! Auf!
Der Winter floh, und Lenz ist da!
Er zieht Kundry, ganz erstarrt und leblos, aus dem Gebüsch hervor und trägt sie auf einen nahen Grashügel.
Erwache! Erwache dem Lenz!
Kalt und starr!
Diesmal hilet ich sie wohl dür tot;
doch war's ihr Stöhnen, was ich vernahm.
Gurnemanz bemuht sich in allem, die Erstarrung von Kundry weichen zu machen. Allmählich scheint das Leben in ihr zu erwachen. Als sie die Augen endlich öffnet, stösst sie einen Schrei aus. Kundry ist in rauhem Büssergewande, ähnlich wie in ersten Aufzuge; nur ist ihre Gesichtsfarbe bleicher; aus Meine und Haltung ist die Wildheit entschwunden. Sie starrt lange Gurnemanz an. Dann erhebt sie sich, ordnet sich Kleidung und lässt sich sofort wie eine Magd zur Bedienung an.
Du telles Weib!
Hast du kein Wort für mich?
Ist dies der Dank,
dass dem Todesschlafe
noch einmal ich dich entweckt?
Kundry:
neigt langsam das Haupt; dann bringt sie, rauh und abgebrochen, hervor
Dienen . . . dienen!
Gurnemanz:
den Kopf schüttelnd
Das wird dich wenig mühn!
Auf Botschaft sendet sich's nicht mehr;
Kräuter und Wurzeln
findet ein jeder sich selbst.
Wir lernten's im Walde vom Tier.
Kundry hat sich währenddem umgesehen, gewahrt die Hütte und geht hinein. Gurnemanz blickt ihr verwundert nach.
wie anders schreitet sie als sonst!
Wirkte dies der heilige Tag?
Oh! Tag der Gnade ohnegleichen!
Gewiss zu ihrem Heile
durft' ich der Armen heut
den Todesschlaf verscheuchen.
Kundry kommt wieder aus der Hütte; sie trägt einen Wasserkrug und geht damit zur Quelle. Sie gewahrt hier, nach dem Walde blickend, in der Ferne einen Kommenden und wendet sich zu Gurnemanz, um ihn darauf hinzudeuten. Gurnemanz blickt in den Wald. Während des folgenden Auftretens des Parsifal entfernt sich Kundry mit dem gefüllten Kruge in die Hütte, wo sie sich zu schaffen macht.
Wer nahet dort dem heil'gen Quell
in düstrem Waffenschmucke?
Das ist der Brüder keiner!
Parsifal tritt aus dem Walde auf; er ist ganz in schwarzer Waffenrüstung; mit geschlossenem Helme und gesenktem Speer schreitet er, gebeugsten Hauptes, träumerisch zögernd, langsam daher und setzt sich auf dem kleinen Rasenhügel am Quell nieder. Gurnemanz, nachdem er Parsifal staunend lange betrachtet hat, tritt nun näher zu ihm.
Heil dir, mein Gast!
Bist du verirrt, und soll ich dich weisen?
Parsifal schüttelt sanft das Haupt.
Entbietest du mir keinen Gruss?
Parsifal neigt das Haupt.
Hei? - Was?
Wenn dein Gelübde
dich bindet, mir zu schweigen,
so mahnt das meine mich,
dass ich dir sage, was sich ziemt.
Hier bist du an geweihtem Ort;
da zieht man nicht mit Waffen her,
geschlossenen Helmes, Schild und Speer;
und heute gar! Weisst du denn nicht,
welch heil'ger Tag heut ist?
Parisfal schüttelt mit dem Kopfe.
Ja! Woher kommst du denn?
Bei welchen Heiden weiltest du,
zu wissen nich, dass heute
der allerheiliste Karfreitag ist?
Parsifal senkt das Haupt noch tiefer.
Schnell ab die Waffen!
Kränke nicht den Herrn, der heute,
bar jeder Wehr, sein heilig' Blut
der sündigen Welt zur Sühne bot!
Parsifal erhebt sich nach einem abermaligen Schweigen, stösst den Speer vor sich in den Boden, legt Schild und Schwert davor nieder, öffnet den Helm, nimmt ihm vom Haupte, und legt ihn zu den anderen Waffen, worauf er dann zu stummem Gebete vor dem Speer niederkniet. Gurnemanz betrachtet Parsifal mit Staunen und Rührung. Er winkt Kundry herbei, welche soeben wieder aus der Hütte getreten ist. Parsifal erhebt jetzt seinen Blick andachtsvoll zu der Lanzenspitze auf.
Erkennst du ihn?
Der ist's, der einst den Schwan erlegt.
Kundry bestätigt mit einem leisen Kopfnicken.
Gewiss, s' ist er,
der Tor, den ich zürnend von uns wies.
Kundry blickt starr, doch ruhig auf Parsifal.
Ha! Welche Pfade fand er?
Der Speer - ich kenne ihn.
In grosser Ergriffenheit
Oh heiligster Tag,
an dem ich heut erwachen sollt'!
Kundry hat ihr Gesicht abgewendet. Parsifal erhebt sich langsam vom Gebete, blickt ruhig um sich, erkennt Gurnemanz und reicht diesem sanft die Hand zum Gruss.
Parsifal:
Heil mir, dass ich dich wiederfinde!
Gurnemanz:
So kennst auch du mir noch?
Erkennst mich wieder,
den Gram und Not so tief gebeugt?
Wie kamst du heut? Woher?
Parsifal:
Der Irrnis und der Leiden Pfade kam ich;
soll ich mich denen jetzt entwunden wähnen,
da dieses Waldes Rauschen
wieder ich vernehme,
dich guten Greisen neu begrüsse?
Oder - irr' ich wieder?
Verändert dünkt mich alles.
Gurnemanz:
So sag', zu wem den Weg du suchtest?
Parsifal:
Zu ihm, des tiefe Klagen
ich törig staunend einst vernahm,
dem nun ich Heil zu bringen
mich auserlesen wähnen darf.
Doch - ach! -
den Weg des Heiles nie zu finden,
in pfadlosen Irren
trieb ein wilder Fluch mich umher;
zahllose Nöte,
Kämpfe und Streite
zwangen mich ab vom Pfade,
wähnt' ich ihn recht schon erkannt.
Da musste mich Verzweiflung fassen,
das Heiltum heil mir zu bergen,
um das zu hüten, das zu wahren
ich Wunden jeder Wehr mir gewann;
denn nicht ihn selber
durft' ich fürhen im Streite;
unentweiht
für ich ihn mir zur Seite,
den ich nun heim geleite,
der dort dir schlimmert heil und hehr;
des Grales heil'gen Speer.
Gurnemanz:
in höchstes Entzücken ausbrechend
O Gnade! Höchstes Heil!
O Wunder! Heilig hehrstes Wunder!
O Herr! War es ein Fluch,
der dich von rechten Pfad vertrieb,
so glaub', er ist gewichen.
Hier bist du; dies des Grals Gebiet,
dein harret seiner Ritterschaft.
Ach, sie bedarf des Heiles,
des Heiles, das du bringst!
Seit dem Tage, den du hier gewelt,
die Trauer, so da kund dir ward,
das Bangen - wuchs zur höchsten Not.
Amfortas, gegen seiner Wunde,
seiner Seele Qual sich wehrend,
begehrt' in wütendem Trotze nur den Tod.
Kein Flehn, kein Elend seiner Ritter
bewog ihn mehr, des heil'gen Amts zu walten.
Im Schrein verschlossen bleibt seit lang' der Gral;
so hofft sein sündenreu'ger Hüter,
da er nicht sterben kann,
wann je er ihn erschaut,
sein Ende zu erzwingen
und mit dem Leben seine Qual zu enden.
Die heil'ge Speisung bleibt uns nun versagt,
gemeine Atzung muss uns nähren;
darob versiegte uns'rer Helden Kraft.
Nie kommt uns Botschaft mehr,
noch Ruf zu heil'gen Kämpfen aus der Ferne;
bleich und elend wankt umher
die mut- und fürherlose Ritterschaft.
In dieser Waldeck' barg ich selber mich,
des Todes still gewärtig,
dem schon mein alter Waffenherr verfiel.
Denn Titurel, mein heil'ger Held,
den nun des Grales Anblick nicht mehr labte,
er starb - ein Mensch wie alle!
Parsifal:
vor grossen Schmerz sich aufbäumend
Und ich, ich bin's,
der all dies Elend schuf!
Ha! Wlecher Sünden,
welches Frevels Schuld
muss dieses Torenhaupt
seit Ewigkeit belasten,
da keine Busse, keine Sühne
der Blindheit mich entwindet,
zur Rettung selbst ich auserkoren,
in Irrnis wild verloren
der Rettung letzter Pfad mir schwindet!
Parsifal droht ohnmächtig umzusinken. Gurnemanz hält ihn aufrecht und senkt ihn zum Sitze auf den Rasenhügel nieder. Kundry holt hastig ein Becken mit Wasser, Parsifal damit zu besprengen.
Gurnemanz:
Die heil'ge Quelle selbst
erquicke unsres Pilgers Bad.
Mir ahnt, ein hohes Werk
hab' er noch heut zu wirken,
zu walten eines heil'gen Amtes;
so sei er fleckenrein,
und langer Irrfahrt Staub
soll nun von ihm gewaschen sein.
Parsifal wird von den beiden sanft zum Rande des Quelles gewendet. Unter dem Folgenden löst ihm Kundry die Beinschienen, Gurnemanz aber nimmt ihm den Brustharnisch ab.
Parsifal:
Werd' heut zu Amfortas ich noch geleitet?
Gurnemanz:
Gewisslich; unsrer harrt die hehre Burg;
die Totenfeier meines lieben Herrn,
sie ruft mich selbst dahin.
Den Gral noch einmal uns du zu enthüllen,
des lang versäumten Amtes
noch einmal heut zu walten -
zur Heiligung des hehren Vaters,
der seines Sohnes Schuld erlag,
die der nun, also büssen will - gelobt' Amfortas uns.
Kundry badet Parsifal mit demutsvollem Eifer die Fusse. Parsifal blickt mit stiller Verwunderung auf sie.
Parsifal:
zu Kundry
Du wuschest mir die Füsse,
nun netze mir das Haupt der Freund.
Gurnemanz schöpft mit der Hand aus dem Quell und besprengt Parsifals Haupt.
Gurnemanz:
Gesegnet sei, du Reiner, durch das Reine!
So weiche jeder Schuld
Bekümmernis von dir!
Während Gurnemanz feierlich das Wasser sprengt, zieht Kundry ein goldenes Fläschchen aus ihren Busen und giesst seinen Inhalt auf Parsifals Füsse aus; jetzt trocknet sie diese mit ihren schnell aufgelösten Haaren.
Parsifal:
nimmt Kundry sanft das Fläschen ab und reicht es Gurnemanz
Du salbtest mir die Füsse,
das Haupt nun salbe Titurels Genoss,
dass heut noch als König er mich grüsse!
Gurnemanz schüttelt mit dem Folgenden das Fläschchen vollends auf Parsifals Haupt aus, reibt dieses sanft und faltet dann die Hände darüber.
Gurnemanz:
So ward es uns verhiessen;
so segne ich dein haupt,
als König dich zu grüssen.
Du - Reiner! -
Mitleidsvoll Duldender,
heiltatvoll Wissender!
Wie des Erlösten Leiden zu gelitten,
die letzte Last entnimm nun seinem Haupt!
Parsifal schöpft unvermerkt Wasser aus dem Quell.
Parsifal:
Mein erstes Amt verricht' ich so;
er neigt sich zu der vor ihm noch knienden Kundry und netzt ihr das Haupt.
Die Taufe nimm
und glaub' an den Erlöser!
Kundry senkt das Haupt tief zur Erde; sie scheint heftig zu weinen. Parsifal wendet sich um und blickt mit sanfter Entzückung auf Wald und Wiese, welche jetzt im Vormittagslichte leuchten.
Wie dünkt mich doch die Aue heut so schön!
Wohl traf ich Wunderblumen an,
die bis zum Haupte süchtig mich umrankten;
doch sah ich nie so mild und zart
die Halme, Blüten und Blumen,
noch duftet' all so kindisch hold
und sprach so lieblich traut zu mir.
Gurnemanz:
Das ist... Karfreitagszauber, Herr!
Parsifal:
O wehe des höchsten Schmertzentags!
Da sollte, wähn' ich, was da blüht,
was atmet, lebt und wieder lebt,
nur trauern, ach! und weinen!
Gurnemanz:
Du siehst, das ist nicht so.
Des Sünders Reuetränen sind es,
die heut mit heil'gem Tau
beträufet Flur und Au';
der liess sie so gedeihen.
Nun freut sich alle Kreatur
auf des Erlösers holder Spur,
will ihr Gebet ihm weihen.
Ihn selbst am Kreuze kann sie nicht erschauen;
da blickt sie zum erlösten Menschen auf;
der fühlt sich frei von Sündenlast und Grauen,
durch Gottes Liebesopfer rein und heil.
Das merkt nun Halm und Blume auf den Auen,
dass heut des Menschen Fuss sie nicht zertritt,
doch wohl, wie Gott mit himmlischer Geduld
sich sein erbarmt' und für ihn litt,
der Mensch auch heut in frommer Huld
sie schont mit sanftem Schritt.
Das dankt dann alle Kreatur,
was all da blüht und bald erstirbt
da die entsündigte Nature
heut ihren Unschuldstag erwirbt.
Kundry hat langsam wieder das Haupt erhoben und blickt feuchten Auges, ernst und ruhig bittend, zu Parsifal.
Parsifal:
Ich sah sie welken, die inst mir lachten;
ob heut sie nach Erlösung schmachten?
Auch deine Träne ward zum Segenstaue;
du weinest! Sieh! Es lacht die Aue.
Er küsst sie sanft auf die Stirne. Glockengeläute aus weiter Ferne.
Gurnemanz:
Mittag.
Die Stund' ist da.
Gestatte, Herr, das dein Knecht dich geleite!
Gurnemanz hat seinen Gralsrittermantel herbeigeholt; er und Kundry bekleiden Parsifal damit. Parsifal ergreift feierlich den Speer und folgt mit Kundry dem langsam geleitenden Gurnemanz. Die Gegend verwandelt sich sehr allmählich, änlicherweise wie im ersten Aufzuge, nur von rechts nach links. Nachdem die drei eine Zeitlang sichtbar geblieben, verschwinden sie gänzlich, als der Wald sich immer mehr verliert und dagegen Felsengewölbe näher rücken. In gewölbten Gängen stets anwachsend vernehmbares Geläute. Es öffnen sich die Felsenwande, und die grösse Gralshalle, wie im ersten Aufzuge, nur ohne die Speisetafeln, stelelt sich wieder dar. Düstere Beleuchtung. Von der ersten Seite ziehen die Titurels Leiche im Sarge tragenden Ritter herein, von der anderen Seite die Amfortas im Siechbette geleitenden, vor diesem der verhülte Schrein mit dem Grale.
Erster Zug der Ritter:
Geleiten wir im bergenden Schrein
den Gral zum heiligen Amte,
wen berget ihr in düst'ren Schrein
und führt ihr trauernd daher?

Zweiter Zug der Ritter:
Es birgt den Gelden der Trauerschrein,
er birgt die heilige Kraft,
der Gott einst selbst zur Pflege sich gab;
Titurel fürhen wir hier.
I Zug:
Wer hat ihn gefällt, der, in Gottes Hut,
Gott selbst einst beschirmte?
II Zug:
Ihn fällte des Alters siegende Last,
da den Gral er nicht mehr erschaute.
I Zug:
Wer wehrt ihm des Grales Huld zu erschauen?
II Zug:
Den dort ihr geleitest, der sündige Hüter.
I Zug:
Wir geleiten ihn heut, weil heut noch einmal -
zum letzten Male -
will des Amtes er walten.
Ach, zum letzten Mal!
Amfortas ist jetzt auf das Ruhebett hinter dem Gralstische niedergelassen, der Sarg davor niedergesetzt worden; die Ritter wenden sich an ihn.
II Zug:
Wehe! Wehe! Der Hüter des Grals!
Ach, zum letzten Mal,
sie deines Amtes gemahnt!
Zum letzten Mal! Zum letzten Mal!
Amfortas:
Ja, wehe, wehe! Weh' über mich!
So ruf' ich willig mit euch,
williger nähm' ich von euch den Tod,
der Sünde mildeste Sühne!
Der Sarg wird geöffnet - Beim Anblick der Leiche Titurels bricht alles in einen jähen Wehruf aus. Amfortas richtet sich hoch von seinem Lager und wendet sich zur Leiche.
Mein vater!
Hochgesegneter der Helden!
Du Reinster, dem einst die Engel sich neigten;
der einzig ich sterben sollt',
dir - gab ich den Tod!
O! Der du jetzt in göttlichen Glanz
den Erlöser selbst erschaust,
erflehe von ihm, dass sein heiliges Blut,
wenn noch einmal heut sein Segen
die Brüder soll erquicken,
wie ihnen neues Leben
mir endlich spende - den Tod!
Tod! Sterben!
Einz'ge Gnade!
Die schreckliche Wunde, das Gift, ersterbe,
das es zernagt, erstarre das Herz!
Mein Vater! Dich - ruf' ich,
rufe du ihm es zu;
Erlöser, gib meinem Sohne Ruh'!
Ritter:
sich näher an Amfortas herandrängend
Enthüllet den Gral!
Walte des Amtes!
Dich mahnet dein Vater;
du muss! Du muss!
Amfortas springt in wütender Verzweiflung auf und stürzt sich unter die zurückweichenden Ritter.
Amfortas:
Nein! Nicht mehr! Ha!
Schon fül' ich den Tod mich umnachten
und noch einmal sollt' ich ins Leben zurück?
Wahnsinnige!
Wer will mich zwingen zu leben?
Könnt ihr doch Tod mir nur geben!
Er reicht sich das Gewand auf
Hier bin ich - die offne Wunde hier!
Das mich vergiftet, hier fliesst mein Blut.
Heraus die Waffe! Taucht eure Schwerter,
tief - tief, bis ans Heft!
Auf! Ihr Helden!
Tötet den Sünder mit seiner Qual,
von selbst dann leuchtet euch wohl der Gral!
Alles ist scheu vor Amfortas gewichen. Parsifal ist, von Gurnemanz und Kundry begleitet, unvermerkt unter den Rittern erschienen, tritt hervor und streckt den Speer aus, mit dessen Spitze er Amfortas' Seite berührt.
Parsifal:
Nur eine Waffe taugt -
die Wunde schliess
der Speer nur, der sie schlug.
Amfortas' Miene leuchtet in heiliger Entzückung auf; er scheint vor grösser Ergriffenheit zu schwanken; Gurnemanz stützt ihn.
Sei heil, entsündigt und gesühnt!
Denn ich verwalte nun dein Amt.
Gesegnet sei dein Leiden,
das Mittleids höchste Kraft,
und reinsten Wissens Macht
dem zagen Toren gab!
Parsifal schreitet nach der Mitte, den Speer hoch vor sich erhebend.
Den heil'gen Speer -
ich bring' ihn euch zurück!
Alles blickt in höchster Entzückung auf den emporgehaltenen Speer, zu dessen Spitze augschauend Parsifal in Begesiterung fortfährt.
O! Welchen Wunders höchstes Gluck!
Der deine Wunde durfte schliessen,
ihm seh' ich heil'ges Blut entfliessen
in Sehnsucht nach dem verwandten Quelle,
der dort fliesst in des Grales Welle.
Nicht soll der mehr verschlossen sein;
enthüllet den Gral, öffnet den Schrein!
Parsifal besteigt die Stufen des Weihtisches, entnimmt dem von den Knaben geöffneten Schrein den Gral und versenkt sich, unter stummem Gebet, kniend in seinen Anblick. Allmähliche sanfte Erleuchtung des Grales. Zunehmende Dämmerung in der Tiefe, bei wachsendem Lichtscrein aus der Höhe.
Knaben, Jünglinge und Ritter:
mit Stimmen aus der mittleren sowie der obersten Höhe kaum hörbar leise
Höchsten Heiles Wunder!
Erlösung dem Erlöser!

Lichtstral; hellstes Erglühen des Grales. Aus der Kuppel schwebt eine weisse Taube herab und verweilt über Parsifals Haupt. Kundry sinkt, mit dem Blicke zu ihm auf, langsam vor Parsifal entseelt zu Boden. Amfortas und Gurnemanz huldigen kniend Parsifal, welcher den Gral segnend über die anbetende Ritterschaft schwingt.

Der Vorhang Fällt langsam

 
 
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