die Meistersinger von K. Wagner |
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Gedanken zur aktuellen Inszenierung (6.8.2011) und Premiere vom 25.7.2007 Stücke, bei denen man auf die Frage nach dem
ersten Eindruck keine passende Antwort parat hat, sind selten. Bei Schlingensiefs
"Parsifal" war dies kein Problem, die Antwort war spontan
(negativ) und hat auch nach einiger Zeit der Besinnung keine Korrektur
erfahren. Anders bei Katharina Wagners Meistersinger Neuinszenierung bei
den Bayreuther Festspielen (2007) - hier fordert ein vielschichtiges,
neu durchdachtes Spektakel eine differenzierte Beurteilung, versuchen
wir es mal so: Freilich, einige sehr gewollt scheinende und eigentlich überflüssige Provokationen wollte die junge Dame dem eher konservativ (oder mainstream) eingestellten Wohlstands-Wagner-Wallfahrern und besonders den ach so exklusiven Premierengästen allerdings auch nicht ersparen. Also gibt es einige Gags und "obszöne" Momente (Penisse, nackter Mann aus dem Karren, Gummi-Puppe), die aber nicht das Stück als solches verunstalten, sondern den Blick auf menschlich Verstecktes (s. Freud) in den Meistersingern und besonders bei Beckmesser lenken. Sehenswert ist die Inszenierung allemal. Drollige,
aber zugleich etwas abartige Kobold-Figuren, die bekannte Geistesgrößen
darstellen sollen (darunter natürlich Wagner himself und Alfred E.
Neumann), bevölkern im 3. Aufzug den museumsartigen Hintergrund und
bringen Abwechslung fürs Auge, tragen zur Wahn-Atmosphäre bei,
passen zur Katharina-Logik des Stückes, weniger zur Wagner-Logik.
Einige andere Lösungen sind sowohl erfrischend neu als auch plausibel:
David, der uninspirierte, nur kopierende Lehrjunge; das überall präsente
gelbe Reclam-Meistersinger-Regelwerk; der die konservierenden Meister
aufmischende und ungestüm mit Farbe rumklecksende Junker, der sich
später jedoch in den (bürgerlichen) Rahmen einfügt; der
nichts Neues mehr zustande bringende Sachs und vor allem der neue, aufmüpfige,
einzig andere Beckmesser. Hinzu kommt ein moderner "Kreativer", Hans Sachs, der aber an der Schreibmaschine nichts Kreatives mehr hinkriegt und schließlich Stolzing als seinen Nachfolger initiiert. Sachs ist am Ende der wahre (frustrierte) Konservierer und will den drohenden "welschen Geistern" mit Hilfe der deutschen Kulturrecken Goethe und Schiller den Garaus machen, was Wagner mit faschistoidem Anhauch ("welsche?" Freigeister landen in der brennenden Mülltonne) auf der Bühne effektvoll darstellt. Tja, an Effekten wird allgemein nicht gespart, aber das ist in Bayreuth, wo jeder noch so abstruse Regisseurwunsch möglich gemacht wird, so üblich. Leider fehlt am Ende des Stückes noch eine zündende Idee, die dem musikalisch dramatisch-euphorischen Endhöhepunkt gerecht wird. Aber das kann noch kommen, in einer "Werkstatt" ist es legitim, dass gefeilt und geschliffen wird.* Musikalisch setzten der jugendlich-stürmische und später domestizierte Stolzing, Klaus Florian Vogt, mit glasklaren Höhen und wohlartikuliertem Deutsch (ist durchaus erwähnenswert!) und der auch darstellerisch phänomenale Beckmesser**, Michael Volle, die glanzvollen Höhepunkte. Weniger überzeugen konnten bei der Premiere zumindest die stimmliche Konstanz und Tonsicherheit des Hans Sachs, Franz Hawlata, und auch Eva, Amanda Mace, blieb stimmlich hinter ihrem strahlenden Bühnenpartner zurück. Das Orchester unter der Leitung von Sebastian Weigle wirkte beim Vorspiel etwas unfiligran, fand aber im Laufe des Stücks wie der Chor zu bewährter Festspielqualität. Dass sich die Regisseurin beim Schlussapplaus schützend vor ihre Akteure stellt, ist als mütterlich-freundschaftliche Geste zu deuten, hat aber bei Profis, die nach ihrer jeweiligen Leistung zu bewerten (und teuer zu bezahlen) sind, keine eigentliche Berechtigung. Dass es Leute gibt, die wissen, wie der Metzger mit mühevoller Arbeit eine Wurst produziert, die schlecht ist, ihn aber als Person sympathisch finden und tröstend auf die Schulter klopfen, wird ihm auf lange Sicht beruflich nicht weiterhelfen. Kritik muss man als Profi ertragen können, auch wenn's manchmal weh tut. Etwas wunderlich auch, dass Frau Wagner bei den ihr am 6.8.2011 zugerufenen Buhs überrascht schien - die waren doch gewollt, oder nicht?! Bin gespannt, wie lange es noch dauert, bis Bully
Herbig auf den grünen Hügel gerufen wird. Würde ja passen:
"Der Schuh des Meistersingers"... Katharina würde das wahrscheinlich
klasse finden, wie damals das Schlingensief-Parsifal-Massaker. Wo sie recht hat, hat sie recht. * Ist bis 2011 nicht gelungen... ** Ein ebenso darstellerisch wie stimmlich interessanter Beckmesser war 2011 Adrian Eröd! *** aus einem Interview mit dem Redaktionsleiter der Tageszeitung Nordbayerischer Kurier in Bayreuth Fanden Sie diese Kritik hilfreich und angemessen? -> dann klicken Sie bitte hier
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