die Meistersinger von K. Wagner |
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Premierenaufführung der Bayreuther Festpiele am 25.7.2007 Stücke, bei denen man auf die Frage nach dem ersten Eindruck keine
passende Antwort parat hat, sind selten. Bei Schlingensiefs
"Parsifal" war dies kein Problem, die Antwort war spontan
(negativ) und hat auch nach einiger Zeit der Besinnung keine Korrektur
erfahren. Anders bei Katharina Wagners Meistersinger Neuinszenierung bei
den Bayreuther Festspielen (2007) - hier fordert ein vielschichtiges,
neudurchdachtes Spektakel eine sehr differenzierte Beurteilung, versuchen
wir es mal so: Freilich, einige sehr gewollt scheinende und eigentlich überflüssige Provokationen wollte die junge Dame dem eher konservativ (oder mainstream) eingestellten Wohlstands-Wagner-Wallfahrern und besonders den ach so exklusiven Premierengästen allerdings auch nicht ersparen. Also gibt es einige Gags und "obszöne" Momente (Penisse, nackter Mann aus dem Karren, Gummi-Puppe), die aber nicht das Stück als solches verunstalten, sondern den Blick auf menschlich "Verstecktes" (s. Freud) in den Meistersingern und besonders bei Beckmesser lenken, wobei Frau Wagner immerhin nicht soweit gegangen ist, Beckmesser auf der Bühne Onanie betreiben zu lassen, was durchaus zur Anlage der Inszenierung gepasst hätte... Sehenswert ist die Inszenierung allemal. Drollige, aber zugleich etwas
abartige Kobold-Figuren, die bekannte Geistesgrößen darstellen
sollen (darunter natürlich Wagner himself), bevölkern den museumsartigen
Hintergrund und bringen Abwechslung fürs Auge, tragen zur Atmosphäre,
wenn auch weniger zur Logik des Stückes bei. Einige andere Lösungen
sind sowohl erfrischend neu und dazu auch plausibel: David, der uninspirierte,
nur kopierende Lehrjunge; das überall präsente gelbe Reclam-Meistersinger-Regelwerk;
der die konservierenden Meister aufmischende und ungestüm mit Farbe
rumklecksende Junker, der sich später jedoch in den (bürgerlichen)
Rahmen einfügt; der nichts Neues mehr zustande bringende Sachs und
vor allem der neue, aufmüpfige, einzig andere Beckmesser. Hinzu kommt ein moderner "Kreativer", Hans Sachs, der aber an der Schreibmaschine nichts Kreatives mehr hinkriegt und schließlich Stolzing als seinen Nachfolger initiiert. Sachs ist am Ende der wahre (frustrierte) Konservierer und will den drohenden "welschen Geistern" mit Hilfe der deutschen Kulturrecken Goethe und Schiller den Garaus machen, was Wagner mit faschistoidem Anhauch ("welsche?" Freigeister landen in der brennenden Mülltonne) auf der Bühne effektvoll darstellt. Tja, an Effekten wird allgemein nicht gespart, aber das ist in Bayreuth, wo jeder noch so abstruse Regisseurwunsch möglich gemacht wird, so üblich. Leider fehlt am Ende des Stückes noch eine zündende Idee, die dem musikalisch dramatisch-euphorischen Endhöhepunkt gerecht wird. Aber das kann noch kommen, in einer "Werkstatt" ist es legitim, dass gefeilt und geschliffen wird. Musikalisch setzten der jugendlich-stürmische und später domestizierte Stolzing, Klaus Florian Vogt, mit glasklaren Höhen und wohlartikuliertem Deutsch (ist durchaus erwähnenswert!) und der auch darstellerisch phänomenale Beckmesser, Michael Volle, die glanzvollen Höhepunkte. Weniger überzeugen konnten bei der Premiere zumindest die stimmliche Konstanz und Tonsicherheit des Hans Sachs, Franz Hawlata, und auch Eva, Amanda Mace, blieb stimmlich hinter ihrem strahlenden Bühnenpartner zurück. Das Orchester unter der Leitung von Sebastian Weigle wirkte beim Vorspiel etwas unfiligran, fand aber im Laufe des Stücks wie der Chor zu bewährter Festspielqualität. Dass sich die Regisseurin beim Schlussapplaus schützend vor ihre Akteure stellt, ist als mütterlich-freundschaftliche Geste zu deuten, hat aber bei Profis, die nach ihrer jeweiligen Leistung zu bewerten (und teuer zu bezahlen) sind, keine eigentliche Berechtigung. Ich gehe nicht zu dem Metzger, dessen Wurst mir nicht schmeckt. Dass es Leute gibt, die wissen, wie der Metzger mit mühevoller Arbeit eine Wurst produziert, die schlecht ist, ihn aber als Person sympathisch finden und tröstend auf die Schulter klopfen, wird ihm auf lange Sicht beruflich nicht weiterhelfen. Kritik muss man als Profi ertragen können, auch wenn's manchmal weh tut. Achja, was die Nachfolgediskussion betrrifft: Frau Wagner kann als zukünftige Bayreuth-Hausherrin gehen, aber nur, wenn sie den Gottschalk heiratet - und nicht den Schlingensief... denn letztgenannter gehört in eine ganz andere Schublade, ganz tief unten. Aber das sollte man ihr nicht öffentlich unter die Nase reiben, denn dann könnte ihre spontane Reaktion sein, dass sie sich schützend vor ihn stellt, statt ihm die Schelle zu geben... "In zehn Jahren …? Wagner: Bin ich 39. Das Werk Richard Wagners…? Wagner: Ist teilweise sehr lang."* Wo sie recht hat, hat sie recht. * aus einem Interview mit dem Redaktionsleiter der Tageszeitung Nordbayerischer Kurier in Bayreuth Fanden Sie diese Kritik hilfreich und angemessen? -> dann klicken Sie bitte hier
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