Festspiel-News

Die 92. Bayreuther Festspiele 2003, Holländer x 2

Die diesjährige Neuinszenierung konnte ich vor Ort am 13.8. erleben. Wenn ich mich recht erinnere, hat Regisseur Claus Guth erst kürzlich ein Wagner-Frühwerk am Gärtnerplatz-Theater in München inszeniert und wurde dafür erheblich gelobpreist. So sollte es ihm in Bayreuth dann aber doch nicht widerfahren. Als der Chorleiter Eberhard Friedrich beim Einzelvorhang vor's Publikum trat, wurde dieser an Stelle des Regisseurs kurzerhand ausgebuht - im Bayreuther Publikum waren anscheinend ein paar voreilige oder kurzsichtige Kritiker...
Die Inszenierung ist in der Tat recht diskutabel, regt aber auf jeden Fall zum Nachdenken an. Ist der Holländer das andere Ich Dalands? Ist der komplexe Holländer ein verdrängter Teil der Psyche Dalands? Sind die Mädchen in der Spinnstube allesamt als maschinenhaft-sinnliche Hausmädchen bei Daland angestellt? Ist der Holländer mit seinem Schiff im Speicher von Dalands Villla gestrandet? Und vieles mehr. Die meisten Ideen sind von visueller Ästhetik und auf den Effekt bedacht. Ja, bei Guth und Schmidt (Bühne und Kostüme) darf's auch ein bisschen mehr an (Show-) Effekt und sein: Wellen und Meerestiefen wabern über die Tapete, der Bodenbelag beginnt sich visuell zu verschieben, beim Geisterchor gibt es eine echte Geisterbahneinlage; kurz, es gibt einiges, was mit Sinn behaftet sein soll und doch leicht in Unsinn (Kaspereien) abfällt und einiges, das vielleicht Sinn macht, aber unnötig plakativ dargestellt ist.
Eine interessante Idee war die vertikale Spiegelung der Villa Dalands, wodurch ein Übergang der Sphären sichtbar gemacht und zugleich das Konzept der Zusammengehörigkeit Dalands/Holländer auch räumlich sichtbar wurde. Eine Konzeption, der womöglich eine profunde Werkanalyse vorausging, wenn nicht "-analyse" dann immerhin diskutabe "-interpretation". Insgesamt eine ideenreiche Inszenierung, die niemand brusküren sollte und auch wohl nicht als Provokation gedacht ist. Das Puppentheaterhaftige kann zu einem Markenzeichen Guths werden, die Mischung von nicht auf der Hand liegenden Werkdeutungen und marionettenhaftem Spiel (der Chöre) ist jedoch mindestens diskutabel und ob der Holländer von Wagner wirklich so gedacht war fraglich, nun gut, es ist nicht Parsifal - zum Glück!

Musikalisch bestachen der Chor, das Orchester (phantastisch die Ouvertüre, warum hat niemand geklatscht??) und Arienne Dugger als Senta. Die Rolle des Daland gibt Jaakko Ryhänen wenig Gelegenheit sich wirklich gesanglich zu profilieren, das gleiche gilt noch stärker für Ute Priew als Mary. Über die durchaus ordentliche Leistung des Steuermanns (Tomsilav Muzek) ist leider auch nicht viel mehr zu sagen, da man zu Beginn des Stücks eher mit visuellen Dingen beschäftigt ist, was einiges an Aufmerksamkeit für den Gesang abzieht. Endrik Wottrich spielte den Erik und konnte (auch dank Guth?) die sonst etwas fade Rolle interessanter gestalten, die wenig glanzvolle Stimme passt dann auch zur Rolle, ist aber nicht mein Fall.
Bliebe der Holländer. John Tomlinson war ein phantastischer Wotan, daraus wurde kein guter Holländer. Die bassschwarze Stimme könnte zwar zum Guthschen Holländertyp passen, sie passt aber nicht zur Wagnerschen Musik. Die Expressivität ist teilweise da, aber doch oft zu Lasten des wohlklingenden Gesangs, der Noten - oder besser des Tons. Einen Versuch war es Guth, Tomlinson (den man fragen muss, warum er diese Rolle akzeptierte) und Wolfgang Wagner wohl wert. Das Publikum antwortete mit wenig stürmischer Begeisterung. (Autor: A. Micke)

 

Die 91. Bayreuther Festspiele mit dem Tannhäuser musikalisch grandios eröffnet

Die Festspiele 2002 wurden mit einer musikalisch mitreißenden Tannhäuser-Premiere eröffnet. Nach dem Schlussakkord gab es bereits erste Bravo-Rufe und beim ersten Vorhang erbebte das Festspielhaus unter dem begeisterten Trampeln der Zuschauer. Es soll jedoch auch Buh-Rufe für den Regisseur gegeben haben und der Beifall soll "verhältnismäßig" schwach gewesen sein. Aber Premierenpublikumapplaus ist ja sowieso immer interpretierbar.

Zur Inszenierung kann ich nichts sagen, da ich sie nicht gesehen, sondern nur im Radio gehört habe, deshalb beschränkt sich diese Eindrucksniederschrift auf das Gehörte; zuerst das Dirigat: Thielemann gefiel mir als Tannhäuser-Dirigent besser als in den Meistersingern. Präzise und einfühlsam, klar und filigran, besonders das Blech pflegend und bei den Tempi (außer beim Ende des Lieds an den Abendstern, das war zerfallend gedehnt) gefällig. Thielemann wird ja demnächst in Bayreuth praktisch alles dirigieren ... ob da die Lust und Spannung nicht drunter leidet?

(Besetzung)

Den Tannhäuser sang Glenn Winslade, der für mich kein klassischer, strahlender Heldentenor ist, sondern eher lyrisch und baritonal gefärbt klingt. Für den Tannhäuser ist dies zulässig, die spannenden Ausbrüche in der Höhe habe ich allerdings bei einem echten Heldentenor schon packender gehört, trotzdem insgesamt gefällig, wenn auch wenig spektakulär.

Die Venus wurde von Barbara Schneider-Hofstetter gesunden, die ich bis dato noch nie gehört hatte und die sich für mich als eine schöne Überraschung offenbart hat. Reichlich Wärme (ist nicht gleich Erotik) im Timbre, reichlich Volumen, gute Leistung.

Die Gegenspielerin Elisabeth wurde von Ricarda Merbeth gegeben. Auch sie konnte mit einer sehr guten Leistung und ansprechend zarten Passagen bestechen. Ihr Name sagte mir zuvor auch nicht viel, aber womöglich kann man sie bald in Bayreuth auch in anderen Rollen erleben.

Wolfram ist eine Rolle, die immer mit dem Lied an den Abendstern steht oder fällt. Bei dieser Premiere war die Musik so bezaubernd schön, dass der Sänger fast eine Nebenrolle spielte (was kein Fehler sein muss). Das leicht dunkle Timbre von Roman Trekel gefällt mir nicht übermäßig und ist etwas zu geschmeidig schmeichlerisch, das kann natürlich auch gefallen, gibt aber dem sowieso zumeist eher lasch erscheinenden Wolfram keinen zusätzlichen Elan. Das Lied an den Abendstern meisterte er aber ansprechend. Als es schließlich darum ging, Heinrich aus den Fängen der Venus zu reißen, wurde er doch noch dramatisch; da hätte man gern gesehen, was auf der Bühne passiert.

Der Landgraf Hermann war Kwangchul Youn präsentierte einen wohlklingenden Bass und deklamierte, sowie alle anderen ausländischen Sänger auch, die deutsche Sprache sehr korrekt und gut verständlich. Die Die Nebenrollen können sich im Tannhäuser schwerlich profilieren (Hirte: Evgenia Grekova) und sangen unspektakulär "gut"; der Chor hinterließ einen soliden, in der Dynamik ausgefeilten Gesamteindruck.

Und was die Inszenierung betrifft, fand ich folgendes interessantes Zitat (26.7.02):
"Vielmehr ließ die Regie des Franzosen Philippe Arlaud zu wünschen übrig. Der Wahl-Wiener Arlaud ist in Bayreuth Regisseur, Bühnenbildner und Lichtdesigner in einem - eine schlechte Union für die diesjährige Bayreuther Neuinszenierung der romantischen Oper "Tannhäuser". Das Stück blieb ohne Schwung, auch die farbenfrohen Bühnenbilder und die beeindruckenden Lichteffekte des sich verzettelnden Arlauds konnten das nicht retten. DPA Der stimmengewaltige Chor: Konnte wie gewohnt überzeugen Vor lauter Licht und Bühnendesign scheint Arlaud die Regie-Aufgabe glatt vergessen zu haben. Angewurzelt blieben die Sänger auf der Stelle stehen, stolpern ziellos umher, schwenken die Arme, fuchteln mit ihren Schwertern, ziehen dabei schmerzvolle Grimassen. Anstatt Spannung baut sich hier eher unfreiwillig eine komische Szenerie auf."
aus: http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,206789,00.html

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Mehr Bilder der Inszenierung bei der Webseite der Bayreuther Festpiele. Dieser Link führt indirekt dorthin: http://www.bayreuther-festspiele.de/Anfangsseite/deutsch.htm

Autor: Arthur Micke (25.7.02)

 

Die 90. Bayreuther Festspiele 2001 mit den Meistersingern unspektakulär eröffnet

Bayreuth (dpa) - Begleitet von heftiger Kritik an den noch «Hügel»-Chef Wolfgang Wagner sind am 25.7. in Bayreuth die 90. Richard-Wagner- Festspiele eröffnet worden. Wagners Nichte Nike erneuerte ihren Anspruch auf die Nachfolge des 81-jährigen Festspielleiters. Im «Deutschlandradio Berlin» sprach die Tochter Wieland Wagners von einer «künstlerischen Krise». Der Führungsstil ihres Onkels sei «autokratisch», seine Inszenierungen «altbacken und langweilig». Zum Auftakt des Doppeljubiläums 125 Jahre Festspiele und 50 Jahre Neu-Bayreuth sahen knapp 2000 Premierengäste «Die Meistersinger von Nürnberg». Die Inszenierung von Festspielleiter Wolfgang Wagner stammt aus dem Jahr 1996. Die musikalische Leitung hatte Christian Thielemann. Bis zum 28. August stehen ferner die letztjährige Neuinszenierung des «Ring des Nibelungen» von Jürgen Flimm, Keith Warners Deutung des «Lohengrin» aus dem Jahr 1999 und letztmals Wolfgang Wagners zwölf Jahre alte «Parsifal»-Inszenierung auf dem Spielplan. Nach dem Tod von Giuseppe Sinopoli gibt Adam Fischer sein Bayreuth-Debüt als «Ring»-Dirigent. Das Jubiläum wird am 10. August mit einem Sonderkonzert von Beethovens 9. Sinfonie gefeiert. Nike Wagner hatte bereits am Vortag in Bayreuth ihren Anspruch auf die Übernahme der Festspielleitung bekräftigt. Mit ihrem neuen Partner, dem Intendanten der Staatsoper Stuttgart, Klaus Zehelein, habe sie dem Stiftungsrat ein «unvergleichlich gutes Angebot» gemacht. «Ich kann nur hoffen, er nützt diese riesige Chance», sagte sie bei einer Lesung. Zehelein sei einer der innovativsten und erfolgreichsten Theatermanager, er stehe aber erst von 2006 an zur Verfügung. Nike Wagner äußerte Verständnis für den Rückzug ihrer Cousine Eva Wagner-Pasquier. Die Tochter Wolfgang Wagners war vom Stiftungsrat als neue Festspielchefin bestimmt worden, hatte aber vor kurzem unter Hinweis auf den lebenslangen Vertrag ihres Vaters ihren Verzicht erklärt. Der Stiftungsrat habe sich selbst handlungsunfähig gemacht, meinte Nike Wagner. Sie sprach sich für eine Erneuerung der Festspiele und eine sorgfältigere Auswahl der Künstler aus. Bayreuth könne nicht ewig von der Substanz leben. In Folge des seit Jahren schwelenden Nachfolgestreits ist auch das Interesse an den Festspielen zurück gegangen. Deutlich weniger Schaulustige säumten die Auffahrt einer ebenfalls rückläufigen Zahl an Ehrengästen aus dem In- und Ausland. Beklatscht wurden neben den Bundesministern Walter Riester und Christine Bergmann (beide SPD) unter anderen CDU-Chefin Angela Merkel, Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) und Sänger Roberto Blanco. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) hatte ebenso kurzfristig abgesagt wie Showstar Margot Werner. Auch Fürstin Gloria von Thurn und Taxis wurde zumindest nicht am Königsportal gesehen.

 
 
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