Die diesjährige Neuinszenierung konnte ich vor Ort am 13.8. erleben.
Wenn ich mich recht erinnere, hat Regisseur Claus Guth erst kürzlich
ein Wagner-Frühwerk am Gärtnerplatz-Theater in München
inszeniert und wurde dafür erheblich gelobpreist. So sollte es ihm
in Bayreuth dann aber doch nicht widerfahren. Als der Chorleiter Eberhard
Friedrich beim Einzelvorhang vor's Publikum trat, wurde dieser an Stelle
des Regisseurs kurzerhand ausgebuht - im Bayreuther Publikum waren anscheinend
ein paar voreilige oder kurzsichtige Kritiker...
Die Inszenierung ist in der Tat recht diskutabel, regt aber auf jeden
Fall zum Nachdenken an. Ist der Holländer das andere Ich Dalands?
Ist der komplexe Holländer ein verdrängter Teil der Psyche Dalands?
Sind die Mädchen in der Spinnstube allesamt als maschinenhaft-sinnliche
Hausmädchen bei Daland angestellt? Ist der Holländer mit seinem
Schiff im Speicher von Dalands Villla gestrandet? Und vieles mehr. Die
meisten Ideen sind von visueller Ästhetik und auf den Effekt bedacht.
Ja, bei Guth und Schmidt (Bühne und Kostüme) darf's auch ein
bisschen mehr an (Show-) Effekt und sein: Wellen und Meerestiefen wabern
über die Tapete, der Bodenbelag beginnt sich visuell zu verschieben,
beim Geisterchor gibt es eine echte Geisterbahneinlage; kurz, es gibt
einiges, was mit Sinn behaftet sein soll und doch leicht in Unsinn (Kaspereien)
abfällt und einiges, das vielleicht Sinn macht, aber unnötig
plakativ dargestellt ist.
Eine interessante Idee war die vertikale Spiegelung der Villa Dalands,
wodurch ein Übergang der Sphären sichtbar gemacht und zugleich
das Konzept der Zusammengehörigkeit Dalands/Holländer auch räumlich
sichtbar wurde. Eine Konzeption, der womöglich eine profunde Werkanalyse
vorausging, wenn nicht "-analyse" dann immerhin diskutabe "-interpretation".
Insgesamt eine ideenreiche Inszenierung, die niemand brusküren sollte
und auch wohl nicht als Provokation gedacht ist. Das Puppentheaterhaftige
kann zu einem Markenzeichen Guths werden, die Mischung von nicht auf der
Hand liegenden Werkdeutungen und marionettenhaftem Spiel (der Chöre)
ist jedoch mindestens diskutabel und ob der Holländer von Wagner
wirklich so gedacht war fraglich, nun gut, es ist nicht Parsifal - zum
Glück!
Musikalisch bestachen der Chor, das Orchester (phantastisch die Ouvertüre,
warum hat niemand geklatscht??) und Arienne Dugger als Senta. Die Rolle
des Daland gibt Jaakko Ryhänen wenig Gelegenheit sich wirklich gesanglich
zu profilieren, das gleiche gilt noch stärker für Ute Priew
als Mary. Über die durchaus ordentliche Leistung des Steuermanns
(Tomsilav Muzek) ist leider auch nicht viel mehr zu sagen, da man zu Beginn
des Stücks eher mit visuellen Dingen beschäftigt ist, was einiges
an Aufmerksamkeit für den Gesang abzieht. Endrik Wottrich spielte
den Erik und konnte (auch dank Guth?) die sonst etwas fade Rolle interessanter
gestalten, die wenig glanzvolle Stimme passt dann auch zur Rolle, ist
aber nicht mein Fall.
Bliebe der Holländer. John Tomlinson war ein phantastischer Wotan,
daraus wurde kein guter Holländer. Die bassschwarze Stimme könnte
zwar zum Guthschen Holländertyp passen, sie passt aber nicht zur
Wagnerschen Musik. Die Expressivität ist teilweise da, aber doch
oft zu Lasten des wohlklingenden Gesangs, der Noten - oder besser des
Tons. Einen Versuch war es Guth, Tomlinson (den man fragen muss, warum
er diese Rolle akzeptierte) und Wolfgang Wagner wohl wert. Das Publikum
antwortete mit wenig stürmischer Begeisterung. (Autor: A. Micke)
Die 91. Bayreuther Festspiele mit dem Tannhäuser
musikalisch grandios eröffnet
Die Festspiele 2002 wurden mit einer musikalisch mitreißenden
Tannhäuser-Premiere eröffnet. Nach dem Schlussakkord gab es
bereits erste Bravo-Rufe und beim ersten Vorhang erbebte das Festspielhaus
unter dem begeisterten Trampeln der Zuschauer. Es soll jedoch auch Buh-Rufe
für den Regisseur gegeben haben und der Beifall soll "verhältnismäßig"
schwach gewesen sein. Aber Premierenpublikumapplaus ist ja sowieso immer
interpretierbar.
Zur Inszenierung kann ich nichts sagen, da ich sie
nicht gesehen, sondern nur im Radio gehört habe, deshalb beschränkt
sich diese Eindrucksniederschrift auf das Gehörte; zuerst das Dirigat:
Thielemann gefiel mir als Tannhäuser-Dirigent besser als in den Meistersingern.
Präzise und einfühlsam, klar und filigran, besonders das Blech
pflegend und bei den Tempi (außer beim Ende des Lieds an den Abendstern,
das war zerfallend gedehnt) gefällig. Thielemann
wird ja demnächst in Bayreuth praktisch alles dirigieren ... ob da
die Lust und Spannung nicht drunter leidet?
Den Tannhäuser sang Glenn Winslade, der für mich kein klassischer,
strahlender Heldentenor ist, sondern eher lyrisch und baritonal gefärbt
klingt. Für den Tannhäuser ist dies zulässig, die spannenden
Ausbrüche in der Höhe habe ich allerdings bei einem echten Heldentenor
schon packender gehört, trotzdem insgesamt gefällig, wenn auch
wenig spektakulär.
Die Venus wurde von Barbara Schneider-Hofstetter gesunden, die ich bis
dato noch nie gehört hatte und die sich für mich als eine schöne
Überraschung offenbart hat. Reichlich Wärme (ist nicht gleich
Erotik) im Timbre, reichlich Volumen, gute Leistung.
Die Gegenspielerin Elisabeth wurde von Ricarda Merbeth gegeben. Auch
sie konnte mit einer sehr guten Leistung und ansprechend zarten Passagen
bestechen. Ihr Name sagte mir zuvor auch nicht viel, aber womöglich
kann man sie bald in Bayreuth auch in anderen Rollen erleben.
Wolfram ist eine Rolle, die immer mit dem Lied an den Abendstern steht
oder fällt. Bei dieser Premiere war die Musik so bezaubernd schön,
dass der Sänger fast eine Nebenrolle spielte (was kein Fehler sein
muss). Das leicht dunkle Timbre von Roman Trekel gefällt mir nicht
übermäßig und ist etwas zu geschmeidig schmeichlerisch,
das kann natürlich auch gefallen, gibt aber dem sowieso zumeist eher
lasch erscheinenden Wolfram keinen zusätzlichen Elan. Das Lied an
den Abendstern meisterte er aber ansprechend. Als es schließlich
darum ging, Heinrich aus den Fängen der Venus zu reißen, wurde
er doch noch dramatisch; da hätte man gern gesehen, was auf der Bühne
passiert.
Der Landgraf Hermann war Kwangchul Youn präsentierte einen wohlklingenden
Bass und deklamierte, sowie alle anderen ausländischen Sänger
auch, die deutsche Sprache sehr korrekt und gut verständlich. Die
Die Nebenrollen können sich im Tannhäuser schwerlich profilieren
(Hirte: Evgenia Grekova) und sangen unspektakulär "gut";
der Chor hinterließ einen soliden, in der Dynamik ausgefeilten Gesamteindruck.
Und was die Inszenierung betrifft, fand ich folgendes
interessantes Zitat (26.7.02):
"Vielmehr ließ die Regie des Franzosen Philippe Arlaud zu wünschen
übrig. Der Wahl-Wiener Arlaud ist in Bayreuth Regisseur, Bühnenbildner
und Lichtdesigner in einem - eine schlechte Union für die diesjährige
Bayreuther Neuinszenierung der romantischen Oper "Tannhäuser". Das Stück
blieb ohne Schwung, auch die farbenfrohen Bühnenbilder und die beeindruckenden
Lichteffekte des sich verzettelnden Arlauds konnten das nicht retten.
DPA Der stimmengewaltige Chor: Konnte wie gewohnt überzeugen Vor lauter
Licht und Bühnendesign scheint Arlaud die Regie-Aufgabe glatt vergessen
zu haben. Angewurzelt blieben die Sänger auf der Stelle stehen, stolpern
ziellos umher, schwenken die Arme, fuchteln mit ihren Schwertern, ziehen
dabei schmerzvolle Grimassen. Anstatt Spannung baut sich hier eher unfreiwillig
eine komische Szenerie auf."
aus: http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,206789,00.html
Die 90. Bayreuther Festspiele 2001
mit den Meistersingern unspektakulär eröffnet
Bayreuth (dpa) - Begleitet von heftiger Kritik an den noch «Hügel»-Chef
Wolfgang Wagner sind am 25.7. in Bayreuth die 90. Richard-Wagner- Festspiele
eröffnet worden. Wagners Nichte Nike erneuerte ihren Anspruch auf
die Nachfolge des 81-jährigen Festspielleiters. Im «Deutschlandradio Berlin»
sprach die Tochter Wieland Wagners von einer «künstlerischen Krise». Der
Führungsstil ihres Onkels sei «autokratisch», seine Inszenierungen «altbacken
und langweilig». Zum Auftakt des Doppeljubiläums 125 Jahre Festspiele
und 50 Jahre Neu-Bayreuth sahen knapp 2000 Premierengäste «Die Meistersinger
von Nürnberg». Die Inszenierung von Festspielleiter Wolfgang Wagner stammt
aus dem Jahr 1996. Die musikalische Leitung hatte Christian Thielemann.
Bis zum 28. August stehen ferner die letztjährige Neuinszenierung des
«Ring des Nibelungen» von Jürgen Flimm, Keith Warners Deutung des «Lohengrin»
aus dem Jahr 1999 und letztmals Wolfgang Wagners zwölf Jahre alte «Parsifal»-Inszenierung
auf dem Spielplan. Nach dem Tod von Giuseppe Sinopoli gibt Adam Fischer
sein Bayreuth-Debüt als «Ring»-Dirigent. Das Jubiläum wird am 10. August
mit einem Sonderkonzert von Beethovens 9. Sinfonie gefeiert. Nike Wagner
hatte bereits am Vortag in Bayreuth ihren Anspruch auf die Übernahme der
Festspielleitung bekräftigt. Mit ihrem neuen Partner, dem Intendanten
der Staatsoper Stuttgart, Klaus Zehelein, habe sie dem Stiftungsrat ein
«unvergleichlich gutes Angebot» gemacht. «Ich kann nur hoffen, er nützt
diese riesige Chance», sagte sie bei einer Lesung. Zehelein sei einer
der innovativsten und erfolgreichsten Theatermanager, er stehe aber erst
von 2006 an zur Verfügung. Nike Wagner äußerte Verständnis für den Rückzug
ihrer Cousine Eva Wagner-Pasquier. Die Tochter Wolfgang Wagners war vom
Stiftungsrat als neue Festspielchefin bestimmt worden, hatte aber vor
kurzem unter Hinweis auf den lebenslangen Vertrag ihres Vaters ihren Verzicht
erklärt. Der Stiftungsrat habe sich selbst handlungsunfähig gemacht, meinte
Nike Wagner. Sie sprach sich für eine Erneuerung der Festspiele und eine
sorgfältigere Auswahl der Künstler aus. Bayreuth könne nicht ewig von
der Substanz leben. In Folge des seit Jahren schwelenden Nachfolgestreits
ist auch das Interesse an den Festspielen zurück gegangen. Deutlich weniger
Schaulustige säumten die Auffahrt einer ebenfalls rückläufigen Zahl an
Ehrengästen aus dem In- und Ausland. Beklatscht wurden neben den Bundesministern
Walter Riester und Christine Bergmann (beide SPD) unter anderen CDU-Chefin
Angela Merkel, Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) und Sänger
Roberto Blanco. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) hatte ebenso kurzfristig
abgesagt wie Showstar Margot Werner. Auch Fürstin Gloria von Thurn und
Taxis wurde zumindest nicht am Königsportal gesehen.